Um Diskurse über die Umwelt bzw. Weltrettung geht es auch im folgenden Band. Nach „Lost in Transformation? Weltrettungs-ABC nach Fukushima“ (2011) hat der Ökonom und Nachhaltigkeitsexperte Fred Luks nun ein zweites „Wellrettungs- ABC“ verfasst, und zwar zur „Politik des Aufschubs“. Anhand von Begriffen, deren Anfangsbuchstaben dem ABC folgen, erörtert der Autor in gut lesbarer Form Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung und ihrer Hürden, die nur vordergründig lose aneinander gereiht erscheinen. Der sich durch die Begriffe ziehende verbindende Faden liegt im Befund, dass wir von Nachhaltigkeit weit entfernt sind, aber ebenso weit vom Weltuntergang. Denn „Irgendwas ist immer“, wie bereits der Titel des Buches anzeigt. Luks plädiert für sachliche Analysen, aber auch für anschauliche Geschichten und insbesondere für (Selbst)-Ironie. An ein paar Begriffen sei dies veranschaulicht. „Authentizität“ und „Betroffenheit“ würden, so der Autor, als emotionale Aspekte des „Welt-Rettungs-Diskurses“ meist überbetont. Provokant: „Ob ein Klimaforscher Vegetarier und Fahrradfahrer ist oder Hamburger isst und Porsche fährt, ist für die wissenschaftliche Belastbarkeit und gesellschaftliche Nützlichkeit seiner Forschung absolut unerheblich.“ (S. 22) Betroffenheit wiederum bleibe wie „Empörung“ häufig im Symbolischen stecken („Im Weltrettungsdiskurs geht es vielen Beteiligten darum, sich gut zu fühlen.“ S. 26). „Folgenlose Betroffenheit“ spiele daher im politischen Diskurs eine zentrale Rolle, die Teil einer „Politik des Aufschubs“ sei, übrigens auch in jenem über „CSR“ („Sehr oft benutzen Unternehmen CSR für kommunikative Zwecke, weitaus seltener gehen sie dahin, wo´s wehtut.“ (S. 30). Diese „Schmerzvermeidungsstrategie“ (ebd.) werde sich aber als nicht nachhaltig erweisen, so Luks. Das führt uns ans Ende des Alphabets. Unter „Verantwortung“ findet der Autor nicht weniger klare Worte. Ohne die Zuständigkeit bzw. Verantwortung von uns als Bürger oder Konsumenten abzulehnen, hinterfragt Luks zu Recht die Wirkmöglichkeiten, die dem Einzelnen offenstehen. Gegenüber dieser „Privatisierung der Nachhaltigkeit“ (S. 77) gelte es politische Rahmenbedingungen zu ändern. Der Verweis auf die BürgerInnen ermögliche aber auch eine „Politik des Aufschubs“ und habe entlastende Funktion. Dies sei beim Reden über die „Revolution“ allerdings nicht anders, das meist dem „Gutaussehenwollen“ und dem „Gutfühlenwollen“ diene, nicht dem „Bes-sermachenwollen“ (S. 62). Anders gewendet: „Vorschläge, die alle zur Revolution weisen und nichts über den Weg sagen, sind nett, aber wenig hilfreich.“ (S. 63). In Anspielung auf „Der kommende Aufstand“ (S. PZ 2011/1) prognostiziert Luks aber ohnedies den „ausbleibenden Aufstand“ (S. 61). Die Real-Politik sei noch immer – und seit der Banken/ Verschuldungskrise noch mehr – auf „Wachstum“ fixiert, kritisiert Luks. Doch da es unmöglich sei, „etwas aus nichts“ zu produzieren (S. 79), sei permanentes Wachstum aus Nachhaltigkeitssicht unmöglich, vielmehr müsse über Schrumpfung gesprochen werden. Die „Politik des Aufschubs“ hängt nicht zuletzt mit „Zaudern“ zusammen, dem der Autor durchaus etwas abgewinnen kann, wenn damit Entschleunigung, die „Fähigkeit zum Nicht-Tun und Bleibenlassen“ (S. 89) sowie ein bedachtes Entscheiden gemeint ist („Wenn für wichtige Entscheidungen immer weniger Zeit zur Verfügung steht und Kostenreduktion das oberstes Gebot ist, tut dies der Nachhaltigkeit nicht gut.“ S. 88) Luks spricht daher von „entschlossenem Zaudern“ (S. 91). In der Politik freilich sieht er hier häufig wiederum den problematischen Aufschub am Werk: „Erledigung durch Nichtbefassung“ (S. 58) Doch bestimmte Dinge wie Artensterben, Klimawandel oder Peak Oil erledigten sich so nicht: „In den meisten Fällen (nicht in allen) kommt man der Nachhaltigkeit durch Aussitzen nicht näher.“ (S. 58) Alles in allem ein kurzweilig zu lesendes Buch, das zum kritischen Hinterfragen des (leichtfertigen) Redens über die „Weltrettung“ anregt, ohne freilich allein aufgrund des Textumfangs in die Tiefe gehen zu können. H. H.

 

Luks, Fred: Lost in Transformation? Weltrettungs-ABC nach Fukushima. Marburg: Metropolis, 2011. 70 S., € 9,- [D] 10,10[A], sFr 17,- ISBN 978-3-89518-864-0

Luks, Fred: Irgendwas ist immer. Zur Politik des Aufschubs. Marburg: Metropolis, 2012. 102 S., € 9,80 [D], 10,10 [A], sFr 16,80 ISBN 978-3089518-888-6