Sven Birkerts, Universitätsdozent und Literaturkritiker, schreibt regelmäßig für den”new York Times Book Review" und hat sich wiederholt Gedanken über die Konsequenzen des rapiden Fortschritts der elektronischen Kommunikationsmittel für die Literatur und das Lesen gemacht. Eine Zusammenstellung einschlägiger Essays, 1994 erstmals in New York veröffentlicht, liegt nun auch in deutscher Ausgabe vor. Eine erste Gruppe von Aufsätzen nähert sich dem Thema von subjektiven Leseerfahrungen her, woran sich 50 Seiten einer literarischen Autobiografie schließen. Es folgen Essays, die sich speziell verschiedenen Neuen Medien und ihren potentiellen Gefahren wie Fragmentierung des Zeitgefühls, Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne und der Konzentrationsfähigkeit, Erosion explikativer Darstellungsweisen und sprachlicher Ausdrucksvielfalt, Verflachung des Sinns für Innerlichkeit. für Geschichte und das Besondere, Relativierung des eigenen Orts, insgesamt einem Verzicht auf Tiefe zugunsten der Breite widmen. Auch über die entwicklungspsychologische Bedeutung des Lesens, das Verhältnis von Leser und Autor, die Rolle des Lesens im Bildungswesen, über ”Hörbücher" und den Einfluß elektronischer Textverarbeitung auf den schriftstellerischen Schaffensprozeß wird nachgedacht. Betrachtungen über den Niedergang der Literaturkritik und zu den Konsequenzen von Literaturlosigkeit auf unsere Kultur beschließen das Buch. Birkerts erweist sich dabei nicht als Maschinenstürmer, sondern als ein wenig melancholischer "verträumter Gesell' mit einem aufgeschlagenen Buch auf den Knien". Er wechselt häufig von diskursiver zu assoziativer, meist autobiografischer Darstellungsweise und bringt es so zuwege, die Gefahren der Neuen Medien nicht nur rational bewußt zu machen, sondern auch Betroffenheit über damit drohenden Verlust an Lesekultur zu vermitteln, wobei er seine stupende Belesenheit nie aufdringlich, aber jeden Bücherfreund überzeugend einsetzt. W R.

Birkerts, Sven: Die Gutenberg-Elegien. Lesen im elektronischen Zeitalter. Frankfurt/M.: S. Fischer. 1997. 320 s. DM / sFr 34,- / öS 248