Das nach dem 2. Weltkrieg entwickelte erfolgreiche Modell Deutschland, das wirtschaftliche Entwicklung mit sozialer Stabilität verband, gelangt an seine prinzipiellen Grenzen; notwendig sei ein neues Modell, das ähnliche Stimmigkeit und Robustheit wie jenes aufweise, den neuen Herausforderungen (Internationalisierung, Ökologisierung, Strukturwandel) jedoch angemessen begegne, so der Ausgangspunkt der Zukunftskommission der Friedrich-Ebert-Stiftung, die mit diesem Buch die Ergebnisse ihrer zweieinhalbjährigen Arbeit vorlegt. Nicht erfolgter Abbau von Erhaltungssubventionen, mangelnde Innovationsförderung und fehlende ökologische Umsteuerung werden als Versäumnisse festgemacht, die bereits in die 80er Jahre zurückreichten, und diesen insgesamt vier Reformprojekte gegenübergestellt.

Ein erstes zielt auf die "Verbesserung der Innovationsfähigkeit und die Stärkung der Humanressourcen", der Strukturwandel in der Forschungs- und Technologiepolitik (Internationalisierung, Erschließung von Lead-Märkten durch zukunftsorientierte Pilotvorhaben), die Transformation des Ausbildungssystems (breitere Qualifikationsprofile, Durchlässigkeit des dualen Systems, Fachhochschulen, kreative Weiterbildungsformen) sowie ein "innovativer Staat" (Vermarktung von Dienstleistungen, Haushaltskonsolidierung als Ressourcensteuerung, strategische Managementkompetenz, Umsetzung von Verwaltungsreformen) werden dabei als tragende Säulen herausgearbeitet. Das zweite Reformprojekt gilt verbesserten Beschäftigungsmöglichkeiten für Niedrigqualifizierte, die es weiterhin geben werde. Über das flexible Modell eines ”Bürgergeldes", das die Verbindung von Teilzeiteinkommen mit staatlicher Förderung vorsieht. soll Beschäftigung in "einfachen" Tätigkeitsbereichen (Instandhaltung, Tourismus, persönliche und soziale Dienste) angeregt und damit Arbeit statt Arbeitslosigkeit finanziert werden. Das dritte Reformprojekt trägt der geänderten Familienstruktur (Abkehr vom männlichen Alleinernährer) Rechnung, wobei ein Mittelweg zwischen dem marktfixierten Modell der USA und dem allein an staatlicher Wohlfahrt orientierten schwedischen System gesucht wird. Konsens besteht im Ziel. "Familie und Erwerbsarbeit für Frauen und Männer lebbar" zu machen (S.335) und das "Wohlfahrtsdreieck von Markt Staat und Familie" (S. 305) zu erhalten. Aufhorchen läßt der Vorschlag zu hauswirtschaftlicher und pädagogischer Ausbildung (für beide Geschlechter, so ist anzunehmen), die als ebenso wichtig erachtet wird als etwa die Qualifizierung für den Umgang mit Internet (S. 307).

Eine ”Umweltverträgliche Lebens- und Wirtschaftsweise", formuliert als viertes Reformprojekt. soll im Wesentlichen durch die Entkoppelung zwischen materiellem Wohlstand und physischem Stoffwechsel. also Naturverbrauch. erreicht werden. Neben bereits Bekanntem wie Anreizen zur Entwicklung von Effizienztechnologien wird insbesondere auch auf die Forcierung der Umwelthaftung sowie internationaler Umweltverträge gesetzt. 

Nach "Zukunftsfähiges Deutschland" liegt mit diesem Band ein weiterer wichtiger Ideengeber für eine sozialökologische Umsteuerung vor.

H.H.

Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sozialer Zusammenhalt, ökologische Nachhaltigkeit. Drei Wege - ein Ziel. Hrsg. v. der Zukunftskommission der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn: Dietz, 1998. 416 S., DM 39,80 / sFr 37,- / öS 291,-