Auf den ersten Blick erweckt der provokante Titel zunächst Aversionen. Wie und seit wann können sich Kriege zum Lehrmeister aufschwingen? Bei genauerer Betrachtung stellt sich die Analyse des Konfliktsoziologen Hondrich aber als wichtiger Beitrag zur Friedensforschung heraus, da er belegt, dass Krieg mehr ist als das vielzitierte „Instrument der Politik". Durch soziologische Verfremdung des moralischen Blicks gelingt es ihm zu zeigen, dass der Krieg "wirksamste Institution kollektiven Lernens wider Willen" ist - eine Art ungeplanter Lehrplan. Krieg und Kriegsbereitschaft haben scheinbar an Sinn zurückgewonnen, den "sie in den Weltkriegen und in Vietnam, vollends aber im Hinblick auf ein in Zukunft mögliches atomares Inferno verloren" hatten. Die Bereitschaft zum Krieg als Bedingungen des Friedens „ist wohl die unangenehmste Einsicht für eine Kultur der Friedfertigkeit". Herausgearbeitet werden einleuchtende Gründe für das kollektive Lernen im Krieg durch Partikularisierung von Interessen, Universalisierung von Werten sowie Akzeptanz von Dominanz. Im Einzelnen erkennt Hondrich fünf Lehrmeister der Friedfertigkeit: die christliche Ethik, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Monopolisierung und Einschränkung der Gewaltausübung sowie die Angst vor und das Leiden im Krieg. Der Golfkrieg gilt als Beispiel für "das veränderte Erscheinungsbild von Wirklichkeit und Wert des Friedens". Auch die Möglichkeit des Kriegs als Konfliktlöser muss hier relativiert werden, lediglich die Öllieferungen aus Kuwait wurden wieder sichergestellt. Hondrich bezweifelt, dass "die Weltgesellschaft lernen kann ohne Gewalt zu lernen". Ganz gibt er die Hoffnung jedoch nicht auf: Vorbild sind ihm die Enklaven eingedämmter Gewalt im Rechtsstaat. Drei Bedingungen des Lernens in Frieden lassen sich seiner Ansicht nach erkennen: Abschwächung sozialer Konflikte, Institutionalisierung "gewaltlosen Scheiterns" und die Bedrohung durch eine „Übergewalt". Im Innern sind die Opposition und das soziale Netz Institutionen in denen Scheitern seine Schrecken verloren hat. lnsqesamt sieht Hondrich eine allgemeine Tendenz zur Abschwächung von Konflikten, warnt aber vor Illusionen, die angesichts gegenwärtig schwellender Kriege ohnehin kaum vorhanden sind. AA

Hondrich, Karl O.: Lehrmeister Krieg. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 1992. 156 S. (rororo aktuell; 13073) DM 14,-/sFr 11,90/öS 109,20