Käme jemand auf die Idee, die Förderung der Automobilindustrie zu einer Aufgabe der Vereinten Nationen machen zu wollen, so hätte er zu Recht mit Widerspruch zu rechnen. Daß die UNO indes seit 1957 einer Unterorganisation die weltweite Förderung der immer noch "friedlich" genannten Atomenergie und zugleich auch die Kontrolle der militärischen Verbreitung anvertraut, wird hingenommen, obgleich die Trennung der beiden Bereiche nicht möglich ist. Im Auftrag von "Anti Atom International" (MI) haben Mitarbeiter des "Ökologie Instituts" (Wien) und der "Gruppe Ökologie" eine im besten Sinne kritische Studie über das Selbstverständnis und die - man muß es so nennen - ungeheuerlichen Praktiken der Atomlobby erstellt, die sich unter dem Deckmantel der weltweiten Staatengemeinschaft nach wie vor anschickt, die Segnungen und die Sicherheit der atomaren Energiezukunft zu propagieren. Da alle Befunde ausschließlich auf Basis von IAEA-Publikationen (allen voran dem" Bulletin ") erstellt wurden, darf man diese Arbeit als höchst seriös und engagiert zugleich bezeichnen. Nach den Statuten der IAEA haben im Falle eines atomaren Unfalls "nur betroffene Staaten das Recht auf Informationen"; nur 6 (!) % des weltweit vorhandenen Plutoniums stehen unter Kontrolle der IAEA; für Fachleute ist es ein leichtes, aus diesem Material Bomben zu bauen; Atomenergie ist für Dritt-Welt-Staaten zu teuer und zu gefährlich, auch weil im Norden ausgebildete Fachleute nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Würden hingegen die USA, Kanada und Europa nur 10% ihres Energiebedarfs einsparen, könnte in Lateinamerika das Doppelte an Energie eingesetzt werden (nebenbei: In Österreich liegt das Einsparungspotential bei 50%!). In zehn Kapiteln wird jeder relevante Aspekt der Atomtechnologie angesprochen: die Geschichte der IAEA, Internationales Recht, Sicherheitsbestimmungen, Förderung der Atomenergie durch die IAEA, die Rolle der Dritten Welt, Gesundheit(svorsorge), Umweltgefahren, Uranabbau, -aufbereitung und -vermarktung, Transport und (End)lagerung. Peter Weish, Leiter von AAl, fordert mit Rückblick auf die (Anti)Atom-Geschichte Österreichs die nachhaltige Umwandlung der IAEA: Ausschließlich der Schutz vor den bestehenden Gefahren der Atomenergie (in jeder Form) sollte ihre Aufgabe, vordringliches Ziel aber die Etablierung einer International Solar Energy Agency" (ISEA) sein. Die Graphiken des Anhangs geben Einsicht in die weltweite Verbreitung der Atomtechnologie. Es ist zu hoffen, daß die österreichische Bundesregierung, die diese wichtige Studie entschlossen unterstützt hat, auch an den von ihr mit aller Kraft angestrebten neuen EU-Ufern zu derart klaren Worten in Sachen Atom finden wird. WSp.

Nachträglich verwiesen sei auf den umfangreichen Tschernobyl-Report der IAEA: The International Chernobyl Project. Technical Report. Assessment of Radiological Consequences and Evaluation of Protective Measures. Report by an International Advisory Commitee. Wien: IAEA 1991. 640 S.

 

35 Years Promotion of Nuclear Energy: The International Atomic Energy Agency. A Critical Documentation of the Agency's Policy. Peter Bossew ... (Mitarb.). Hrsg. v.d. Gruppe Ökologie ... Wien (u.a.): Eigenverl., 1993. 278 S., DM ca. 35,- / sFr ca. 35,- / öS 250