April 1986, 1.23 Uhr: Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerkes Tschernobyl gerät außer Kontrolle. Die Uranbrennstäbe schmelzen, das Kühlwasser verdampft. Eine ungeheure Knallgasexplosion zerstört den Reaktor. Das Dach und die Mauern stürzen ein, radioaktives Wasser strömt aus den Trümmern. Der   1700 Tonnen schwere Graphitblock geht in Flammen auf, Radioaktivität wird freigesetzt. Heute, zehn Jahre nach dem Super-GAU, reflektieren namhafte Autoren in diesem Sammelband über den Hergang der Katastrophe, über kurz- und langfristige Auswirkungen und über den heutigen Stand der Atomtechnologie. Anfangs versuchten die Behörden und die internationale Atomlobby das Ausmaß des Unfalles herunterzuspielen. Erst Jahre später drangen die geheimen Protokolle des Politbüros der KPdSU an die Öffentlichkeit: Die ausgetretene Radioaktivität verursachte genetische Mutationen bei Mensch, Pflanzen und Tier, die unzureichende Entsorgung des Atommülls verseuchte das Grundwasser, und die Lügen und Verharmlosungen über den Unfall verhinderten eine systematische medizinische und psychologische Behandlung der betroffenen Bevölkerung. Zurzeit sind weltweit 431 kommerzielle Reaktoren in Betrieb, weitere 37 Blöcke sind in Bau. Allein im Machtbereich der früheren Sowjetunion arbeiten heute 20 Reaktorblöcke mehr als 1986, viele davon weisen erhebliche Sicherheitsdefizite auf. In Japan, Rußland, Südkorea und China ist ein Anstieg der Atomenergie und -nutzung zu verzeichnen, in den Ländern des Pazifiks und des Indischen Ozeans ist die Herstellung von Atomwaffen nach wie vor sanktioniert. Daß die atomare Option schon aus energiepolitischen Gründen - der Anteil beträgt weltweit gerade 5 % - ein Irrweg ist, sollte als Argument für Alternativen genügen, geht es doch - wie Hans Peter Dürr es formuliert, nicht primär darum, Energie um jeden Preis zu gewinnen, sondern Lebensraum dauerhaft zu erhalten. T G.

 

Der Tschernobyl-Schock. Zehn Jahre nach dem Super-GAU. Hrsg. v. Karl-Heinz Karisch ... Frankfurt/ Main: Fischer TB-Verl., 1996. 185 S.