Eva Horn

Klima

Ausgabe: 2025 | 3
Klima

Die Diskussion um das Klima – die Forderung nach seinem bedingungslosen Schutz einerseits und die Relativierung der immer wechselhafter werdenden Temperaturen und Naturphänomene – treten mit zunehmender politischer Polarisierung in unterschiedlicher Erscheinung in den öffentlichen Diskurs. Gespräche über das Klima scheinen allerdings integraler Bestandteil unterschiedlichster sozialer Räume zu sein.

Was meinen wir aber eigentlich damit, wenn wir vom Klima sprechen? Diese Frage hat sich die Wiener Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Eva Horn gestellt und in ihrer umfangreichen Monografie verschiedene Zugänge gewählt, um sich dieser aus einer „sinnlichen, kulturellen und historischen Perspektive“ zu nähern, „die dem naturwissenschaftlichen Zugang fehlt“ (S. 16). Fest steht, so stimmt Horn den Meteorolog:innen zu, dass es sich dabei weder ausschließlich um empirisch messbare Daten noch um Erfahrungen an einem bestimmten Ort handelt, sondern um ein globales, wenn nicht gar planetarisches Prinzip. Sie kritisiert: „Angesichts der tiefgreifenden und dramatischen Veränderungen der Erde, denen die Wissenschaft den trockenen Namen Anthropozän gegeben hat, ist er [der makroskopische Blick, Anm. MM] unabdingbar. Aber gerade dadurch ist die Erfahrbarkeit von Klima, Luft und Atmosphäre nicht nur vernachlässigt, sondern geradezu für irrelevant erklärt worden“ (S. 15). Wie bereits der Untertitel nahelegt, versteht Horn „Klima“ als ein erfahrbares Konzept des Zusammenlebens in einer Gemeinschaft, das allerdings auch eine Selbstpositionierung verlangt. In Anlehnung an den japanischen Philosoph Tetsurō Watsuji definiert Horn das Klima als ein Medium des Sozialen, als dem verbindenden Element des Zwischenmenschlichen, in dem eine Gesellschaft ihre kulturelle Identität findet. Dieser gemeinschaftskonstituierende Aspekt des Klimas wird zum Ausgangspunkt ihrer weiteren Argumentationen. Horn fasst das Klima als das „Medium des Lebens“ (S. 29) und koppelt so diese Konzeptualisierung an die Luft als Grundelement bzw. „Elementarmedium“, wie es bei Horn heißt, das zwischen Individuen vermittelt und übersetzt.

In acht Kapitel geht Horn, „Motive[n], Formen und Figuren“ (S. 32) des Klimas nach, das einerseits zu einer Denkfigur der literarischen bzw. künstlerischen Kulturanalyse wird, und andererseits als Treibkraft des politisch-gesellschaftlichen Diskurses fungiert. Die Kapitel bestehen aus theoretischen Rahmungen und einer exemplarischen Analyse literarischer oder philosophischer Arbeiten mit Schwerpunkt ab dem 18. bzw. 19. Jahrhundert. Anhand von künstlerischen Motiven wird eine Verbindung zu aktuellen Diskursen hergeleitet.

Als Beispiel nenne ich das Kapitel 2 „Der Körper und die Luft“, in dem eingangs über die historischen Konzeptionen des Einflusses der Umwelt auf menschliche Körper berichtet wird. Leser:innen erfahren über die Zusammenhänge von Gesundheit und Wetter; der Körper wird zum „menschlichen Barometer“ (S. 66), von den seelischen Zuständen abgelesen werden können. Die exakten Aufzeichnungen von Temperaturen und Niederschlägen durch Literaten des 18. und 19. Jahrhunderts wie Johann Wolfgang von Goethe, Adalbert Stifter oder auch Georg Forster entstammen nicht nur einem aufklärerischen wissenschaftlichen Interesse, sondern dem Bestreben einer persönlichen Gesundheitsvorsorge. Das Klima bzw. die Luft, so Horn, soll zwischen der äußeren Natur und dem inneren Wohlzustand vermittelt und als Medium auch zwischen den Menschen vermittelt haben. Dass diese aber nicht nur dokumentiert wurden, sondern auch eine reale Bedrohung darstellten, führt Horn exemplarisch anhand der Stilisierung von Winden, etwa dem Scirocco im Gedicht „Ein Scirocco-Tag in Rom“ (1848) von Friedrich Hebbel, aber auch anhand von Miasmen bzw. tödliche Dämpfe an. Als wohl bekanntestes Beispiel dieser Art analysiert Horn Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ (1912) an, die sie als „Luft- und Wettergeschichte“ (S. 82) beschreibt. Die in der Novelle angelegten Narrative und Motive des Tödlichen interpretiert Horn als Momente des Klimas bzw. der Atmosphäre, die den Protagonisten Gustav von Aschenbach umgeben. Diese repräsentieren das Konzept der meteorologischen Medizin, indem sich die Beschreibungen des Wetters direkt auf die Körper der Figuren aber auch auf ihre sozialen Verhältnisse niederschlagen. Auch geografische Räume werden in der Novelle nach ihren klimatischen Bedingungen und Einflüssen auf die Gesundheit von Menschen stilisiert. Mit der Bedrohung durch die Cholera, die den literarischen Figuren verheimlicht wird, erfährt die Unsichtbarkeit der Luft bzw. des Klimas und die Krankheit eine Parallelisierung, die für den Protagonisten fatal endet. Horn hält aber darüber hinaus das Potential der Novelle fest, eine Übergangssituation der Perzeption von Klima markiert: Die Luft ist nicht mehr ein lebenserhaltendes Element, sondern eine Gefahr, die das Konzept der Luft als Medium entmächtigt. Die Luft im Text, so könnte man nach der Lektüre von Horns Analyse meinen, ist die eigentliche Protagonistin der Novelle, die sich durch die Inszenierung von Stimmungen und Affekten äußert, aber durch ihre unsichtbare Gefahr von diesen Zuschreibungen löst. Diesen in der Moderne vorgenommene Schritt thematisiert Horn in einem abschließenden Teil des Kapitels, in dem sie über gegenwärtige Wahrnehmungen von Luft und Körper schreibt. Mit der Moderne wird der Körper von der ihm umgebenen Luft getrennt. Dass genau das heute nicht funktioniert, zeigen eine Reihe von Krankheiten etwa von Pollenallergien oder auch Covid-19, die über die Luft bzw. Aerosole übertragen werden. Explizit führt Horn als Beispiel auch die Luftverschmutzung an, womit sie wieder an die aktivistischen Konzeptionen des Klimawandels zurückkommt. Im Zwischenfazit bestätigt Horn ihre Konzeption der Luft als Medium, das nicht nur anregt, über Gemeinschaften nachzudenken, sondern Menschen mit dem Planeten verbindet.

Horns scharfsinnige Analyse ist nicht nur für Literaturwissenschaftler:innen von Interesse, sondern regt zum Nachdenken über unterschiedlicher Funktionen und Konzeptionen des Klimas an, das es gerade deshalb zu schützen gilt.