Der Autor geht der Frage nach, welche Rolle die Sozialwissenschaften bei der Katastrophenbewältigung spielen. Er meint, daß "das Katastrophengeschehen und seine psychosoziale Bewältigung nicht der öffentlichkeitswirksamen Krisen- und Katastrophenrhetorik überlassen bleiben darf". Mit den gestiegenen Möglichkeiten der Technik sind auch die Bedrohungen durch technologische Katastrophen gewachsen. Dabei wird durch immer raschere Abfolge von immer schrecklicheren "Unfällen" die einzelnen Ereignisse rasch dem kollektiven Vergessen überantwortet. Das Gegenteil von psychischer Bewältigung tritt ein.

Im Gegensatz zu Naturkatastrophen wird bei solchen technischer Art der "Verlust von Kontrolle über solche Zusammenhänge erfahren, deren Beherrschung man angenommen hatte". Dies führt nicht nur zu größerer Unsicherheit, sondern auch zu stärkeren emotionalen Reaktionen. Im Vergleich zu allen Risiken und Todesarten schenkt die Gesellschaft den Katastrophen disproportionale Aufmerksamkeit. Unterschiedliche Wahrnehmungen von und Sensibilitäten für Katastrophen ergeben sich aufgrund der Risiken, die eine Gesellschaft einzugehen bereit ist. "Verglichen mit den jährlich 8000 bis 10.000 Straßenverkehrsopfern in der Bundesrepublik hat fast jede Katastrophe harmlose Dimensionen." Den Grund dafür sieht Vester in der Medienwirksamkeit und der Lust an der Katastrophe.

Das statistische Todesrisiko im Falle eines Atomunglücks oder von Aids ist für den einzelnen geringer als im täglichen Berufsverkehr, erscheint aber bedrohlicher, weil unbegreiflicher und mysteriöser. Hinzu kommt, daß sich das Risiko dynamisch verhält, d. h. es erhöht sich mit jedem Opfer. Das Verhalten von Menschen in Katastrophensituationen ist abhängig von deren Informiertheit. Tschernobyl oder Aids eignen sich in einer Welt der negativen Nachrichten besonders gut als Nachrichtenfaktor. Am Beispiel Tschernobyl werden Karriereverläufe als Ursache für die "Lust" an der Katastrophe, an Katastrophenepidemien, beschrieben. "Bei solchen anscheinend kettenreaktionsartig erfolgenden Epidemien des Katastrophalen wird nicht immer deutlich, ob es die Ereignisse selbst sind oder die ihr zuteilwerdende Aufmerksamkeit, die in Wellen und Schüben auftreten." Vester führt den sogenannten „Verstärkungseffekt" an, denn weshalb "sollten sich nicht auch Atomunfälle und Umweltskandale epidemisch ereignen, um so mehr, als auch hier menschliches Verhalten und die Massenmedien eine Rolle spielen".

Weitere Aspekte betreffen die Suche nach Sündenböcken, die "Medikalisierung" des Bereichs sowie die soziale Amnesie, das Übertrumpfen von Katastrophen mit Katastrophen.

Laut Vester scheint die Lust an der Katastrophe ungebrochen. "Es besteht kein Grund zur Befürchtung, uns könnten die Katastrophen ausgehen. Vielleicht erklärt sich aus der Lust an der Bedrohung, des Untergangs das weitere Voranschreiten in Richtung Globoid (Anders). Vgl. dazu auch (PZ 4/87* 152) Satirisches zum Thema "Katastrophe" steuert Bruno Jonas (Natur. 1988, Nr. 8, S. 99) bei.

Vester, Heinz-Günter: Die wiederkehrende Vergänglichkeit von Katastrophen. In: universitas. 43. Jg. (1988), Nr. 7, S. 745-756.