„Die Welt wird eine andere sein, nicht, weil unsere Gesellschaften einen Wandel wollen oder weil ein Konsens über die Richtung des Wandels besteht, sondern weil wir einfach nicht mehr zurückkönnen.“ (S. 15) Gleichgültig wie unterschiedlich die Sichtweisen auf die Covid-19-Krise sein mögen – Ivan Krastev schafft es mit diesem Einstieg, alle in die gleiche Ausgangslage zu versetzen.

Ist heute schon morgen? entstand aus einem Kommentar für Die Zeit, in dem Krastev sieben Paradoxien der Krise formulierte. Diese Paradoxien handelt Krastev nun unter zehn Überschriften ab. Dass ihm diese Abhandlung auf weniger als 100 Seiten trotz einer Vielzahl an angesprochenen Themen differenziert gelingt, zeigt sein Beispiel zur Veränderung des Nationalismus in Zeiten der Corona-Pandemie: Nach den Flüchtlingsbewegungen 2015 erhielt der kulturelle Nationalismus Aufschwung. Hingegen ist der aktuelle Nationalismus von einer anderen, neuen Art. Das „Wir“ wird neu definiert: wer zwar von hier ist, aber nicht hier wohnt, ist hier auch nicht willkommen. Die urbane, gebildete Mittelschicht, die sich zu Beginn des Lockdowns zurück in ihre ländliche Heimat begab, war dort nicht gern gesehen – aus Angst, sie würde das Virus mitbringen. Krastev beleuchtet viel diskutierte Themen von mehreren Seiten und verbindet sie miteinander. So verdeutlicht er anhand des Beispiels der Zweitwohnsitze und dem fluchtartigen Verlassen der Städte, dass das Virus zwar bei allen zuschlagen kann, die Mittel zur Abschottung aber stark von Einkommen und Vermögen abhängig sind. In dieser Analyse findet sich auch eine der wenigen eindeutigen Diagnosen von Krastev: Die Krise wirkt wie ein Brennglas auf bereits bestehende Probleme – sei es soziale Ungleichheit, ein aus dem Gleichgewicht geratenes Demokratieverständnis oder ein unzureichendes Gesundheitssystem.

Krastev liefert in seinem Essay keine Antwort auf die Frage, wie unsere Gesellschaft nach der Pandemie aussehen wird. Er wirft jedoch spannende Fragen auf, deren weitere Diskussion sich lohnen. Wenngleich man sich während der Lektüre hin und wieder weniger literarische Referenzen und mehr empirische Belege wünscht, gelingt Krastev nicht nur eine differenzierte Momentaufnahme, sondern auch eine historische Einordnung und die Einbettung in einen Kontext – sei es wirtschaftspolitisch oder staatswissenschaftlich.