Vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte liefert Ditfurth das Vermächtnis seiner Weitsicht. In der Tradition des herausragenden Wissenschaftsjournalismus erfährt der Leser neueste Forschungsergebnisse ebenso wie tiefschürfende philosophische Ansichten eines Artgenossen. Das Porträt beginnt mit der "Ankunft aus dem Nichts", dem Tag seiner Geburt und der Einsicht, daß jeden Tag 40000 Kinder (jährlich insgesamt 40 Mio. Menschen) an Hunger sterben. Berichtet wird weiters von Autoritäten, Feindbildern aus der Kindheit und Wegbereitern der eigenen Entwicklung. Anekdotenreich schildert Ditfurth seine" Lehr- und Wanderjahre" bis 1969, dem Beginn seiner freien wissenschaftsjournalistischen Tätigkeit. Sicher ist für ihn, "daß die objektiv existierende Welt nicht identisch ist mit dem, was wir als unsere Wirklichkeit erleben". Ärger und Zorn äußert er darüber, nicht die Chance zu haben, das Geheimnis des vor uns liegenden Kosmos und die Gründe unserer Existenz lüften zu können. Daran schließt seine 'Hoffnung, mit dem Tod aus der Zeitlichkeit der Welt herauszufallen und das geistige Ghetto des "Nicht-Wissens" verlassen zu können. Die Existenz einer jenseitigen Wirklichkeit ist für den Autor Gewißheit. Das Tun des Menschen, dem Neandertaler der Zukunft, dem noch 60 bis 80 Mia. Jahre für die weitere Evolution zur Verfügung stehen, dient lediglich dem Fortgang der kosmischen Geschichte. Ditfurth ist bemüht, unsere „schmerzliche" Existenz mit Sinn zu füllen. Seiner Ansicht nach können wir sicher sein, daß sich die immer höhere Formen der Ordnung hervorbringende kosmische Geschichte sich an ihrem Ende nicht ins Nichts verlieren wird. Der kosmische Aufwand wird sich nicht als sinnlos erweisen, das Ziel liegt allerdings noch weit vor uns. Wir müssen auch insofern an einen Sinn glauben, weil niemand sagen kann, worin er besteht. Für unsere heutigen politischen und gesellschaftlichen Probleme gibt es keine totalen Lösungsrezepte. Die blutigsten Kapite1der Geschichte "wurden von denen geschrieben, die herausgefunden zu haben wähnten, wovon das Glück der Menschen abhängt, und die,' von dieser Gewißheit beflügelt und jeglicher Zweifel und Rücksichten enthoben darangingen, ihre Heilslehren gegen alle Widerstände durchzusetzen. Von größter Aktualität ist die Empfehlung, behutsamer vorzugehen im Bewußtsein aller Konsequenzen unserer Handlungen. Fehlervermeidung allein ist für Dittfurth nicht genug. Stütze und Hilfe sieht er in den alten biblischen Weisheiten, besonders in den Aussagen der Bergpredigt. Wirklich neue An- bzw. Einsichten findet man in dieser Bilanz nicht. Gleichwohl fasziniert die verständliche Darstellung vieler Wissenschaftsgebiete sowie das Weltbild des Verfassers.

Ditfurth, Hoimar v.: Innenansichten eines Artgenossen. Meine Bilanz. Düsseldorf: Claasen, 1989.431 S.