Die beiden Wissenschaftler thematisieren in ihren hier genannten Darstellungen im engeren Sinne keinen einzelnen Problemkreis, aber sie fokussieren zumindest in ihren Vorschlägen zur jeweiligen Problemlösung ein vergleichbares Ziel, nämlich das scheinbar Unvereinbare zu vernetzen. Das ist Grund genug, Texte und Bücher zusammen zu betrachten.

Kutschmann greift die de facto nicht überwundene Dichotomie von Geistes- und Naturwissenschaft auf, um ihren trennenden und verbindenden Momenten nachzuspüren. Ein praktischer Bereich, in dem sie besonders unvereinbar scheinen, ist die Art und Weise, wie sie an Lernende vermittelt werden bzw. die Frage, ob es eine Pädagogik der Naturwissenschaft ebenso gibt wie jene der Geisteswissenschaft. Für zweitere wird sie selbstverständlich angenommen, d.h. daß im Deutsch-, Musik- und Geschichtsunterrricht u.a.m. auch die Bildung der gesamten Persönlichkeit ein Thema ist, war im Grunde unbestritten. Für die naturwissenschaftlichen Fächer scheint es indes zwar eine Didaktik, aber keine Pädagogik zu geben. Das Hauptaugenmerk ist also auf die Unterrichtung des Gegenstandes gelegt, die Mitteilung selbst wird hier zur pädagogischen Dimension erklärt (Hans Settler). Die darüber hinaus gehenden Fragen an die Naturwissenschaften, was sie etwa zur Bildung des Menschen beitragen können oder ob sie “Orientierungswissen” liefern, sieht Kutschmann in der schulischen Praxis mehr als vernachlässigt.

Daß Naturwissenschaft durchaus auch jene Bildungsarbeit leisten kann, die für gewöhnlich nur den Geisteswissenschaften zugestanden wird, hat allerdings Tradition, die schon auf Platon zurückgeht, und die im 20. Jahrhundert Martin Wagenschein deutlich formuliert hat. Zunächst hält Wagenschein fest, daß eine rein einseitige Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften wenig zielführend erscheint. Adäquater sei es, die “ursprüngliche Erfahrung des Menschen” für den naturwissenschaftlichen Unterricht zu nutzen und darüber hinaus der “Aspektcharakter” der Physik zu thematisieren, der darauf hinweist, daß auch diese Wissenschaft nur immer Teilaspekte beleuchtet. Damit sollte die Unvereinbarkeit der Geisteswissenschaften und der Naturwissenschaften zukünftig aufgehoben sein.

Versucht sich Kutschmann an einer “Versöhnung” zwischen den beiden großen Bereichen der Wissenschaft(en), so zielt Wilber darauf ab, widersprüchliche Theorien und Ansätze innerhalb der Disziplinen zu vernetzen. Grundsätzlich will er dies erreichen, indem er abgegrenzte Sichten eines Themas auf eine höhere Abstraktionsebne hebt, in der sie sich überschneiden und verbindbar werden. Dieses Prinzip findet etwa Anwendung auf die Welterklärungen verschiedener Religionen ebenso wie auf Politik, Philosophie oder Kunst, wobei es Wilber insbesondere um den Begriff der “Holone” zu tun ist.

Damit haben weder Kutschmann noch Wilber grundsätzlich Neues erfunden, sondern nur ‑ , und das scheint paradigmatisch für andere Zusammenhänge zu sein ‑ Vorhandenes auf eine Weise verknüpft, die (scheinbare) Gegensätze nicht nur aufhebt, sondern auch für einen umfassenderen Blick nutzbar macht.


S. Sch.

Kutschmann, Werner: Naturwissenschaft und Bildung. Der Streit der “Zwei Kulturen”. Stuttgart: Klett-Cotta 1999. 351 S., DM58,- / sFr 52,50 / öS 423,-

Wilber, Ken: Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend. Frankfurt/M.: Krüger-Verl., 1999. 541 S