Als Folge des Säkularisierungsprozesses und des damit einhergehenden Wertezerfalls ist die Frage nach dem richtigen Handeln in der Moderne erheblich schwieriger zu beantworten als in früheren Zeiten. Zugleich aber steigt die Zahl und die Brisanz der Probleme, die auf eine Lösung drängen. Der wissenschaftliche und technische Fortschritt hat völlig neue, bislang unbekannte Entscheidungssituationen geschaffen, angesichts derer herkömmliche Moralsysteme überfordert scheinen. Dem immer dringlicher werdenden Bedürfnis nach ethischen Orientierungshilfen sucht eine kaum mehr überschau bare Flut von Publikationen Rechnung zu tragen. Doch angewandte Ethiken, ad hoc zu bestimmten Problemkreisen produziert, gelangen oft kaum über ein konzeptlos pragmatisches ”dahinwursteln" hinaus. Nicht selten soll ein beschwörender Tonfall über die wackelige und wenig fundierte Argumentation hinwegtäuschen. Umso erfreulicher ist ein solider Sammelband wie der vorliegende, der sich des Themas mit philosophischer Gründlichkeit annimmt. Zunächst gilt es, die Ethik überhaupt als einen Gegenstand der Philosophie zu retten. Im Gefolge des Positivismus herrscht ja noch immer vielerorts die Ansicht, ethische Urteile seien einzig und allein eine Sache subjektiver Glaubensüberzeugungen und somit keiner wissenschaftlich-rationalen Rechtfertigung zugänglich. Als unvermeidliche Konsequenz davon müßte die Ethik zu einem Spielplatz diverser Irrationalismen verkommen. Dagegen aber verwehrt sich der Herausgeber, der Ethik als Projekt der Aufklärung versteht. Nach einer allgemeinen theoretischen Einleitung beschäftigen sich die Beiträge mit diversen Bereichen, die heute besonders aktuelle ethische Fragestellungen aufwerfen. Das Themenspektrum reicht von der künstlichen Befruchtung bis zur Atomenergie, vom zivilen Ungehorsam bis zum Tierversuch, von der Gentechnologie bis zur Sterbehilfe. Mögliche Argumentationsgänge werden dargelegt, und für einzelne Berufsstände werden ethische Richtlinien entworfen. In den abschließenden Kapiteln diskutiert der Herausgeber die Ethik des Risikos und den Wert des Lebens. Damit rücken die vorhergehenden Einzeluntersuchungen in einen gemeinsamen Rahmen. Der Band zeigt auf beeindruckende Weise, wie sehr die wissenschaftliche Ethik im deutschsprachigen Raum von der bisher nur unzulänglich erfolgten Rezeption einschlägiger angelsächsischer Forschungen profitiert. R. L.

Nida-Rümelin, Julian: Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Ein Handbuch. Stuttgart Kräner, 1996. 883 S., DM/sFr 98,-/ÖS 715