Wenn man sich alle Entwicklungen ansieht, die sich auf dem Planeten abzeichnen, ist klar: Sie können nicht alle so weitergehen wie bisher. Das wird sich beißen.  Aber wer kennt schon alle Entwicklungen auf diesem Planeten? Niemand natürlich. Außer vielleicht Vaclav Smil, emeritierter Professor an der Universität von Manitoba in Kanada. In seinem epischen Werk Growth trägt er statistische Daten über langfristige Entwicklungen zusammen, wie kaum jemand sonst. Das allein macht das Buch zu einem profunden Nachschlagewerk. Man sieht Entwicklungen, die linear oder exponentiell voranschreiten. Aber auch viele, die einer S-Kurve gleichen: Langsamer Beginn, steiler Anstieg, schließlich Einpendeln auf einem bestimmten Niveau. Wichtiger Hinweis vorab: Wenn Wachstum auf Ressourcen beruht, die sich nur in einer S-Kurve entwickeln, wird lineares oder exponentielles Wachstums nicht möglich sein.

Schlussfolgerungen, nach dem Zusammenstellen der verschiedenen Linien, hat Smil auch: Dass es wirtschaftlich so nicht weitergehen kann wie bisher. Er tritt uns nicht moralisierend gegenüber, sondern als Statistiker: Nüchtern, nicht bemüht, sich Freunde zu machen, nicht bemüht um umfassende Theorien. Sondern so: „But we are on a much firmer ground when concluding that the past practices – pursuit of the highest possible economic growth rates, extending the culture of excessive consumption to additional billions of people, and treating the biosphere as mere assembly of goods and services to be exploited (and used as a dumping ground) with impunity – must change in radical ways.“ (S. 513) Es ist Zeit umzudenken.

Für ein radikales Umdenken

Am Weg zu dieser Erkenntnis kritisiert Smil auch jene, die seine Meinung teilen, aber es sich aus seiner Sicht zu einfach machten. Die „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome von 1972 sind für ihn viel zu vereinfachend („indefensible simplifications“). Es gebe nicht, wie in der Studie  postuliert wird, die einheitlichen Faktoren „non-renewable Resources“ und „Pollution“. Man müsse schon ins Detail gehen (S. 494).

Das Umsteuern ist natürlich nicht einfach. Entmaterialisierung des Wachstums sei kein Weg. Man kann zwar weniger Material pro Einheit eines Produkts verwenden, das Bevölkerungswachstum und der Konsum an Produkten pro Person übertreffen diese Effekte aber bei weitem. Von 2007 bis 2017 ist der Weltenergieverbrauch um 14 Prozent angestiegen (S. 496). „Decoupling economic growth from energy and material inputs contradicts physical laws: basic needs for food, shelter, education, and employment for the additional billions of people to be added by 2100 will alone demand substantial energy flows and material inputs.“ (S. 492)

Übrigens: Ein Mensch in den USA verbraucht jährlich 300 Gigajoule an Energie, in der EU 150, in China 100, in Indien 20 und in Äthiopien zwei. Selbst wenn man das Wachstum der Wirtschaft vom Energieverbrauch entkoppelt: Meint wirklich jemand, dass nicht gleichzeitig zumindest ein Ausgleich gefunden werden muss zwischen den Niveaus des Energieverbrauchs in den Weltregionen? Und bedeutet das nicht in vielen Regionen der Welt, dass man sogar Wirtschaftswachstum bei Reduktion des Energieverbrauchs anstreben müsste? Geht das ohne grundlegendes Umsteuern in der Wirtschaft?

Das Argument, dass man in Kürze das Stadium der Menschheit in der aktuellen Form hinter sich lassen werde, wie Transhumanisten meinen, hält Smil für wenig wahrscheinlich. Er spricht von „truly miraculous solutions“, die uns eingeredet werden. Auch die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz sieht er skeptisch: Schon jetzt sind wir mehr und mehr von Künstlicher Intelligenz umgeben, etwa durch Computer oder Smartphones. Sie stellen selbst eine Armee von wunderbaren „Mini-Robotern“ dar, die vor allem zweierlei brauchen: Rohmaterialien zur Herstellung und Energie zur Nutzung.

Grenzen des Wachstums

Die Grenzen unseres Wachstums werden von der Biosphäre gesetzt. Dabei führt Smil mehrere Bereiche an, die beachtet werden müssen: „the depletion of deep water aquifers (whose water is withdrawn for mostly highly inefficient crop irrigation) and deforestation in wet tropics (the harbors of the biosphere’s greatest species diversity) as it is of the globally excessive soil erosion that is, slowly but steadily , diminishing the productive capacity of crop fields; as true of the continuing losses of biodiversity (be it due to deforestation, spreading urbanization or demand for traditional medicines) as it is of a multifaceted assault on the oceans that ranges from overfishing at the top of the marine food chain to the now ubiquitous presence of microplastics in seawater.“ (S. 511) Smil zeigt auch, dass die Zusammenhänge vielschichtig sind: Der Verlust von Dunkelheit durch künstliches Licht, das Wachstum der Städte hat sehr komplexe Folgen, vom Energieverbrauch, über die Gesundheit bis hin zu den Ökosystemen (S. 503). Das Buch stellt eine der nüchternsten Formen des Aufrufs zu radikalem Umsteuern dar.