Der Beharrlichkeit, mit welcher gewerkschaftliche Politik mit traditionellen Inhalten verbunden war, hat erst in jüngster Zeit einer verstärkten Hinwendung zu Fragen der Zukunftsgestaltung Platz gemacht. Im vielfach neokonservativ besetzten Terrain längerfristiger Wirtschaftsplanung neben Entlohnung, Arbeitszeit- und -platzgestaltung auch andere Themen abzudecken, gilt als Herausforderung, der man sich zunehmend auch stellt. Der vorliegende Band, im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung von gewerkschaftsnahen, doch unabhängigen Fachleuten konzipiert, kann als Aufriss dieses neuen Selbstverständnisses gedeutet werden. Im ersten von insgesamt drei Foren werden "Umbrüche in den Sozialbeziehungen" thematisiert. Individualisierung und Alltagssolidarität, veränderte Beziehungen der Geschlechter, die Herausforderung einer "multikulturellen Gesellschaft wider Willen" und die Rolle der Kultur als "Versöhnung mit den Leiden der Modernisierung" sind die Stichworte. Teil zwei behandelt "ökonomische, soziale und politische Verwerfungen", greift mit der Krise der Kapitalsverwertung, den Interdependenzen von Welt- und Binnenmarkt, der ökologischen Herausforderung oder der gewandelten Rolle des Sozialstaats überwiegend traditionelle Bereiche gewerkschaftlicher Reflexion auf. Forum drei bemüht sich letztlich um eine dezidierte Erschließung zukünftiger Handlungsräume, wobei einführende "Erinnerungen an die Zukunft" verdeutlichen, dass vor allem frühsozialistische Theoretiker Konzepte und Forderungen deponierten, die auch jenseits des realsozialistischen Desasters aktuell bleiben. Dass Aspekte selbstverwalteter Produktion, neue Medien oder auch außerberufliche Agenden wie Freizeit- und Raumgestaltung das neu zu findende Selbstverständnis mit entscheidend prägen sollten, wird als Auftrag an die eigene Seite deponiert. Bei allen Verdiensten, die diese Publikation auszeichnen, bleibt kritisch anzumerken, dass einmal mehr nur Experten Raum gegeben wurde, um über Zukunft nachzudenken. Der im Untertitel angesprochene Versuch, Gewerkschaft auch als Zukunftswerkstatt zu verstehen, bleibt Etikettenschwindel, solange der Basis die Chance zur Mitarbeit versagt bleibt. 

Jenseits der Beschlusslage. Gewerkschaft als Zukunftswerkstatt. Hrsg. v. Jürgen Hoffmann ... Köln: Bund-Verl., 1990.342 S. (HBS Forschung; 1) DM 28,-/ sFr 24,- / öS 218,40