Der originelle Denker und Analytiker der Fortbewegung, Paul Virilio, erweist sich einmal mehr als scharfsichtiger Kritiker des Geschwindigkeits- und Mobilitätswahns. Er beschäftigt sich in diesem Essay (Originaltitel: La Vitesse de Liberation) mit dem Phänomen der Fluchtgeschwindigkeit als jener Kraft, die notwendig ist, um die Erdanziehung zu überwinden, um dann in ewiger Trägheit, in "rasendem Stillstand" zu enden. Er fordert uns auf, im "Zeitalter der Verschmutzung der Atmosphäre endlich über eine Erneuerung unserer Wahrnehmung der Erscheinungen nachzudenken". Virilio tritt entschieden dafür ein, sich nicht mit aller Kraft und Phantasie auf die Erhöhung von Übertragungskapazitäten zu konzentrieren, sondern auf eine Verbesserung der persönlichen Kommunikation hinzuwirken. Er plädiert für eine neue Ethik der Wahrnehmung, tritt für ein" Menschenrecht auf Blindheit" und für das Recht ein, "sich der Totalisierung und Unausweichlichkeit der Informationen und virtuellen Kunstrealität zu verweigern". Es stellt sich für den Autor dringlich wie noch nie die Frage nach der Wahrnehmungsfreiheit des Individuums, die bedroht ist von der Industrialisierung des Sehens und Hörens, von der optischen und akustischen Umweltverschmutzung. Die Überwindung der natürlichen Größe, die den seit Menschengedenken gültigen Maßstab, die Dimension der Erde, auf ein Nichts reduziert, hat zur Schädigung des Realitätsempfindens und zu Sinnverlust in einer durch Telekommunikationstechnologien verkleinerten Welt beigetragen. Daraus leitet Virilio die politische Forderung ab, "zum Gesetz des geringsten Aufwands" zurückzukehren. "Das ‚ökologische' Problem der Natur unserer Lebenswelt läßt sich (... ) nur dann lösen, wenn wir uns darum bemühen, auch die bestehende Verbindung zwischen ,dem Raum' und ,der Anstrengung', der Dauer und dem Ausmaß einer physischen Ermüdung aufzudecken, die der Welt der sinnlichen Erfahrung ihren Maßstab, ihre ,natürliche Größe' verleiht".  A. A.  

Virilio, Paul: Fluchtgeschwindigkeit. Essay. München (u.a.): Hanser, 1996. 203 S. (Ed. Akzente)