Im einleitenden Grundsatzbeitrag läßt Herausgeber Peter J. Opitz jene weltpolitischen Entwicklungen Revue passieren, die in der Zeit nach 1945 große Fluchtbewegungen evozierten: die Entstehung der Blockkonstellation zwischen Ost und West. den Prozeß der Entkolonialisierung sowie damit zusammenhängend Konflikte und Probleme um die Bildung neuer Nationen auf den Territorien der ehemaligen Kolonien.

Nur exemplarisch gestreift werden können im Rahmen der Rezension die Beiträge zu den verschiedenen Weltregionen. Der Krieg in Ex-Jugoslawien und die damit verbundene Formierung neuer Nationalstaaten führte zu umfangreichen Fluchtbewegungen: Ende 1993 hatten dort nicht weniger als 3,9 Mio. Menschen ihre Heimat verloren, wie Florian Falkenstein zeigt. Innerstaatliche Konflikte waren hingegen die Hauptursache für Fluchtbewegungen im Subsaharischen Afrika (Beitrag Roland E. Richter). Die (vergleichsweise weite) Definition der OAU (Organization of African Unity) erfaßt nicht zuletzt deshalb alle jene, die vor Kriegen und gewaltsamen Konflikten fliehen, als Flüchtlinge. Die UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) definiert den Flüchtlingsbegriff enger.

Das Problem innerstaatlich Vertriebener - ein virulentes Problem in Peru und Kolumbien - wie Stefan A. Schirm in seinem Beitrag über Südamerika dokumentiert - wird damit freilich nicht erfaßt. Wie schwierig die Grenzziehung zwischen ökonomischem und politischem Flüchtlingsbegriff ist. zeigt Götz D. Opitz im Beitrag über die Karibik: Als 1994 37.000 Kubanerinnen in die USA flohen, konnte der geringe Aktionsradius zivilgesellschaftlichen politischen Engagements genauso wie massive wirtschaftliche Einbrüche seit dem Zusammenbruch der Staaten des Warschauer Paktes dafür verantwortlich gemacht werden.

Auch die Ursachen von Flucht und Migration werden wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Studien über Mexiko dokumentieren, daß Migration nicht nur wirtschafts-. sondern auch sozialbedingt ist: Gesellschaftliche networks vermitteln Migrationserfahrungen, die handlungsmotivierend wirken können. Der weitgehend analoge Aufbau der zahlreichen Beiträge erhöht die Vergleichbarkeit und macht die zahlreichen Facetten des Problems Flucht und Migration transparent. Einer umfassenden Bestandsaufnahme folgt eine differenzierte Ursachenanalyse im regionalen Kontext. Daß mögliche Lösungsansätze eher zaghaft formuliert werden, kann auf die Komplexität des analysierten Problembereiches zurückgeführt werden.

G.S.

Der globale Marsch. Flucht und Migration als Weltproblem. Hrsg. v. Peter Opitz. München: Beck, 1997. 345 S. DM 24,- / sFr 22,- / öS 175,-