Die Bilder von der "Asylanten-Flut" und dem vollen Boot das bereits zu sinken droht geistern allenthalben durch die Medien und wecken Emotionen. Nicht nur Ausländerhasser und Apokalyptiker sind der unreflektierten Meinung, wir befänden uns in einem Zeitalter bisher unerreichter migratorischer Mobilität. Dies ist allerdings nur halb richtig. Zwar war die absolute Zahl von Auswanderern tatsächlich noch nie so hoch wie heute, doch der Anteil der Migranten im Verhältnis zur gesamten Weltbevölkerung lag in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich höher als heute. Dieses Buch räumt auch noch mit anderen Irrtümern auf. So wird mit viel Zahlenmaterial bewiesen, daß die Europäische Union sich nicht nur aus humanitären Erwägungen, sondern auch aus höchst eigennützigen Beweggründen gegenüber Zuwanderern nicht abschotten darf. Das angeblich so volle Boot wird nämlich immer leerer. Mit anderen Worten, die EU-Bevölkerung schrumpft, und die Überalterung wird das soziale Versorgungssystem schon bald unfinanzierbar machen, wenn nicht erwerbstätige Einwanderer in unsere Pensionskassen einzahlen. Die Stärke dieses Aufsatzbandes ist die Vielfalt von Betrachtungsweisen, die trotz solider wissenschaftlicher Fundierung und umfangreicher Literaturangaben allgemein verständlich formuliert sind. Psychoanalytische Erklärungen der Fremdenangst sind hier ebenso zu finden wie juristische Erörterungen über das Schengener Abkommen und historische Rekonstruktionen des Umgangs mit Fremden in verschiedenen Ländern, wobei Deutschland, Frankreich und Polen den breitesten Raum einnehmen. Befremdlich ist nur, daß in einer Darstellung   der Migrationsverhältnisse in allen EU-Mitgliedstaaten ausgerechnet und einzig Österreich vergessen oder verdrängt worden ist. Über spezifisch österreichische Zu- und Mißstände ist aus diesem Buch also nichts zu erfahren. Nur an einer Stelle wird beiläufig erwähnt, daß man hierzulande die "Piefke" zwar nicht mag, sie aber als "notwendiges Übel" zu ertragen gelernt hat - eine überaus undifferenzierte Sichtweise allemal. Die Verfasser begnügen sich nicht mit Diagnosen, sondern entwerfen auch Handlungsmodelle für die Zukunft. Dabei steht der pädagogische Bereich im Mittelpunkt gilt es doch, die heranwachsende Generation gegen Fremdenhaß und -angst zu immunisieren. Die Fähigkeit zur Empathie und konstruktiver Konfliktlösung müssen zu zentralen Erziehungszielen werden. Freilich besteht dabei die Gefahr, daß der Schule wieder einmal allzu viel Verantwortung aufgebürdet wird und sie alles heilmachen soll, was bereits in der primären Sozialisation seine traumatischen Spuren in jungen Persönlichkeiten hinterlassen hat. R. L

Vom Umgang mit dem Fremden. Hintergrund-Definitionen-Vorschläge. Hrsg. von V. Yves Bizeul ...Weinheim (u.e): Beltz-Verl., 1997. 253 S. (Beltz Grüne Reihe) ca. DM / sFr 49,- / öS 380