"Grau, teurer Freund, ist alle Theorie", belehrt schon Goethes Mephisto den Schüler. Eine Erkenntnis, die sich offenbar auch beim Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten bewahrheitet. Solche Vorgänge waren in der politischen Theorie des Marxismus überhaupt nicht vorgesehen, dort wurde nur der umgekehrte Weg, vom Kapitalismus zum Marxismus untersucht. Zugleich fehlte den ,kapitalistischen' Politologen die Imagination und der Weitblick, um die Entwicklung vom real existierenden Sozialismus zur mehr oder weniger sozialen Marktwirtschaft theoretisch und praktisch mit ihren Voraussetzungen, Realisationsmöglichkeiten und Konsequenzen zu ventilieren. Der Buchtitel impliziert mit "Experiment" und ,,-versuch" auch die empirische Dimension des Komplexes. Es wird die Frage nach den neuen Werten und Normen gestellt, die plötzlich (?) in den neuen Bundesländern Gültigkeit erlangen. Teilweise sind es nicht andere Werte, die nun das Leben bestimmen, sondern es werden alte, die über 40 Jahre maßgebend waren, auf den Kopf gestellt - im Bereich der Arbeit, der Wirtschaft und des Privatlebens. Immer wieder klingt in den verschiedenen Beiträgen des Bandes an, dass das "Experiment" zu überstürzt vorangetrieben wurde, dass Altes oder Eigenständiges in den neuen Bundesländern zu schnell über Bord geworfen wurde, und damit alles, angefangen bei den Institutionen bis hin zum Automodell, vom westlichen ‚Bruder' übernommen wurde. Damit haben Politiker, Parteien, aber auch in einem gewissen Maß die Bevölkerung aller deutschen Bundesländer eine Chance ausgelassen, die westlichen Institutionen und Wertigkeiten im Sinne einer gemeinsamen, verbesserten Zukunft zu überdenken. 

Experiment Vereinigung. Ein sozialer Großversuch. Hrsg. v. Berd Giesen ... Berlin: Rothbuch-Verl., 1991. 143 S., DM 12,-/ sFr 10,201 öS 93,60