Daß Karl-Markus Gauß, seit vielen Jahren Herausgeber der angesehenen Zeitschrift "Literatur und Kritik" und renommierter Kolumnist wichtiger Zeitungen (Die Zeit, FAZ, Neue Zürcher Zeitung), ein hellwacher, kritischer Zeitzeuge ist. der sich zudem auf den sensiblen Umgang mit Sprache versteht. darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß es ihm hingegen gelingt, mit dem hier vorliegenden "Europäischen Alphabet" der aktuellen Befindlichkeit des Kontinents mit geradezu seismographischer Sensibilität auf den Grund zu gehen, verdient, eine außergewöhnliche und rundum geglückte Leistung genannt zu werden. Indem Gauß insgesamt 32 Leitbgriffe der (kulturlpolitischen Diskussion - von "Auswanderung" und "Balkan" über "Grenze", "Heimat" und "Mobilität" bis hin zu ”Umvolkung". "Weltsprache? Muttersprachen!" und "Zwei Europa" - aufgreift und auf ihre historische Substanz hin durchleuchtet, um damit schonungslos konsequent den im Interesse der Mächtigen stattfindenden Mißbrauch der Begriffe und die Konsequenzen dieses Tuns bloßzulegen, werden Brüche, Verwerfungen und Kanten des "Projekts Europa" deutlich, die dem in den Geburtswehen liegenden Riesen "Europäische Union" wie Widerhaken im Fleisch sitzen. Der mit staatstragendem Pathos verkündeten Aussicht auf gute Nachbarschaft etwa hält der Autor entgegen, daß alle "großen Völker Europas - Franzosen, Deutsche, Russen und Italiener gleichermaßen - ihre Nachbarn (pauschal oder auch in regionaler Begrenzung) wenig schmeichelhaft, aber nichtsdestoweniger bezeichnend als Küchenschabe bezeichnen, "ein widerliches Getier, dessen häßlicher Anblick allein die Menschen seit je mit Ekel und Wut erfüllt" (S. 123). Auch wo "Regionen, Bundesländer, Teilrepubliken [und] Städte entdecken, daß es für sie lohnt, wenn sie sich unmittelbar an Europa orientieren, (...) ohne dafür noch länger den Umweg über den kleineren Markt und den sozialen Zusammenhalt des überkommenen Staates und seiner Nation in Kauf zu nehmen", so ist im Bunde nur willkommen, "wer sich in ihrer Sprache, der des Geldes, (...)unterhalten kann. (...) [V]erdächtig, ja verhaßt ist ihnen einzig der Arme, und wäre er aus dem eigenen Land" (S. 115f.), daß die vielfach beschworene Hinwendung auf die Region (als dessen Ahnherrn Gauß keinen geringeren als Franz Josef Strauß ausmacht) hingegen als "Gleichzeitigkeit von Marienfrömmigkeit und Gen-Technologie, von Hexenglaube und Digitalisierung" (S.160), mithin als biederer Regionalismus sich entpuppt, sollte zu konstruktivem Nach- und Vorausdenken anregen. Der Hinweis darauf, daß "Heimat weder zentral gewährt, noch politisch verordnet und durchgesetzt werden [kann], sollte Ansporn dafür sein, tragfähige Alternativen für ein humanes und friedvollleres Europa zu entwickeln. - Keine leichte, doch in der Tat unerläßliche Aufgabe. W. Sp.

Gauß, Karl-Markus: Europäisches Alphabet. Wien: Zsolnay. 1997. 206 S., DM 34, - / sFr 32,20 / öS 248,-