Im Zeitalter der Beschleunigung stehen die einen unter Druck, weil sie keine Zeit haben und die anderen, weil sie die Zeit haben, die anderen fehlt. Die zunehmend krankmachenden Phänomene dieser Situation lassen es notwendig erscheinen, darüber nachzudenken, wie wir dieser Beschleunigungsfalle entrinnen können. Dies fällt umso schwerer, als Nachdenken, Geduld und Bedächtigkeit heute fast als Schwäche angesehen werden. Nicht überraschend kommt vom Gründer und Vorsitzenden des „Vereins zur Verzögerung der Zeit“, Peter Heintel (Professor an der Fakultät für Kulturwissenschaft an der Universität Klagenfurt), ein Beitrag zu diesem Thema. Er fordert dazu auf, blindem Aktivismus und vorschnellen Scheinlösungen zu widerstehen und stattdessen die Versöhnung von Schnelligkeit und Langsamkeit anzustreben. Anhand von Beispielen und Geschichten – auch literarischen Texten – zeigt der Autor Möglichkeiten, Zeit qualitativ zu gestalten, verschiedene Zeitmaße zu integrieren und wieder einen eigenen Rhythmus zu finden.

Beschleunigung und Zeitverdichtung werden, so Heintel, durch jene warenproduzierende Ökonomie erzeugt, „die uns endgültig alle Zeit erfüllt“ (S. 14). In diesem unendlichen Prozeß folgen die Produkte immer schneller aufeinander. „Die Frage ist nur, ob man im Sinne der ökonomischen Dominanz letztlich nur die Möglichkeit hat, sich über Konsum und Ware als Individualität zu veräußerlichen, zu zeigen, wer und was man ist, oder ob es noch andere ‚immaterielle‘ Äußerungsmöglichkeiten gibt.“ (S. 59)

Hierbei setzt der Autor an, wenn er die Ansprüche auf Eigenzeitlichkeit und die damit verbundene Selbstbestimmung der Zeit einfordert. Es gilt, wieder zu den Gründen und Widersprüchen unseres Lebens zurückzukehren, die verlorene Lebensqualität wiederzufinden. Eine neue Zeitkultur „achtet nicht bloß Eigenzeiten, die Rhythmen der Natur und des Lebens, die Zeiten, die man braucht für Sexualität und Liebesglück, für Partnerschaft und Organisationskultur, für politische Partizipation und langfristig brauchbare Konfliktregelungen“ (S. 15).

Nicht zuletzt fordert Heintel eine „Zukunftsgestaltung“ nicht als „Flucht nach vorne“ (weil wir uns unserer bisherigen Zukunftsperspektiven nicht mehr sicher sind), sondern im Sinne unserer Verantwortung für die nachfolgenden Generationen. Unsere Kinder und Jugendlichen „sollen durch unsere herstellend-bemächtigende Gestaltung nicht schon in unausweichliche Konsequenz gezwungen werden, in der sie nur mehr fortfahren oder reagieren können“ (S. 204).

Im Verständnis für eine neue Zeitkultur sollten wir auch darauf achten, daß nicht zuviel von uns selbst zurückbleibt. Heintel veranschaulicht dies mit einer Geschichte von der Entdeckung Afrikas. Als man die Träger, die nach drei Tagesmärschen plötzlich stehenblieben und sich nicht mehr weiterbewegten, fragte, warum sie nicht weitergehen, antworteten diese, daß durch die Eilmärsche der Vortage ihre Seelen zurückgeblieben seien und sie auf diese warten müssen. A. A.

Heintel, Peter: Innehalten. Gegen die Beschleunigung - für eine andere Zeitkultur. Freiburg i. Br. (u. a.): Herder, 1999. 235 S. (Herder Spektrum; 4679) DM / sFr 18,80 / öS 137,-