Schon in seiner „aktiven“ Zeit als Generaldirektor des Raiffeisenverbandes Salzburg hat sich Manfred Holztrattner kein Blatt vor den Mund genommen und gewarnt vor dem Größenwahn im Bankgeschäft, der zu immer mehr Fusionierungen und zu immer riskanteren „Geschäften“ geführt habe. Die aktuelle Finanzkrise ist ihm Anlass, auch in seinem „Ruhestand“ als Bankfachmann kritisch Stellung zu nehmen. Nach „Macht und Moral“ (s. PZ 2009/1, Nr. 58) erschien nun das zweite Buch „Eliten oder Nieten?“, das er gemeinsam mit dem Salzburger Sozialphilosophen Clemens Sedmak verfasst hat.

 

In zwölf Durchgängen gehen die beiden den Ursachen der aktuellen Krise nach und stellen diese insbesondere als Folge der Führungsschwächen von Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft heraus. Der Ökonom Holztrattner bringt wirtschaftliche Argumente und Analysen ein, der Ethiker Sedmak antwortet jeweils aus Sicht der Moralphilosophie. Einig sind sich die beiden, dass die Eliten versagt haben und dass die gegenwärtigen Maßnahmen gegen die Krise diese nicht überwinden werden. Fachliches und moralisches Unvermögen habe zur zunehmenden Abkopplung des Finanzsektors von der Realwirtschaft geführt; Gier, Maßlosigkeit und der „Verlust von Proportionen“ werden als Triebfedern benannt.

 

Wenn Weisheit (in Form „fachlicher Kompetenz“), Gerechtigkeit (in Form „sozialer Kompetenz“) sowie das Einhalten des „rechten Maßes“ (in Form des Erkennens der notwendigen – auch der eigenen – Grenzen) die zentralen Führungsqualitäten darstellen, dann seien diese den Eliten in Politik und Wirtschaft weitgehend abhanden gekommen, so Holztrattner. Er kritisiert nicht nur die verlorene „Bodenhaftung“ der Spitzenmanager- sowie der SpitzenpolitikerInnen, sondern auch die sukzessive Durchsetzung der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin der „Chicagoer Schule“, die ausgehend von den USA auch Europa erfasst und vom bewährten Weg der sozialen Marktwirtschaft abgebracht habe. Zu Recht sieht er dafür die Hauptschuld bei der Politik, die es in der Hand gehabt hätte, anders zu handeln. Holztrattner zitiert die 1954 erschienene Studie des großen US-Ökonomen John Kenneth Galbraith „The Great Crash 1929“, die „verblüffende Parallelen zur Finanz- und Wirtschaftskrise 2008“ aufweise. Die Rede sei darin von einem „inordinate desire to get rich“, von einer „speculative orgy“, von einem Allmachtsanspruch der Wallstreet-Banker sowie einem „verordneten Optimismus“, der „mahnende Stimmen als pessimistische Stimmungsbrecher zum Schweigen bringen wollte“ (S. 43). Der Bankfachmann, der in seinen Beiträgen zum Buch nochmals die Fakten zum drohenden Bankencrash Revue passieren lässt, spricht also nicht nur von moralischem, sondern auch von intellektuellem Versagen. Appelle an die Moral würden somit  nicht reichen.

 

Holztrattner fordert ein generelles Verbot hochspekulativer Finanzinstrumente wie Hedgefonds oder Derivatenhandel, eine strikte Begrenzung der Managerbezüge und Bonuszahlungen sowie einen Paradigmenwechsel zurück zu einer ökosozialen Marktwirtschaft, in der die Realwirtschaft vor der Finanzwirtschaft rangiert (Banken hätten wieder eine dienende Funktion zu übernehmen), Arbeit vor Kapital und der Mensch vor „Moneten“ geht. Langfristige Investitionen (und nicht kurzfristige Spekulationen) sowie überschaubare Betriebsgrößen (statt „unkontrollierbare Konzerne“) müssten wieder die Wirtschaftsstruktur bestimmen (S. 183). In den aktuellen Krisenplänen sieht der Finanzexperte wenig Lösungskompetenz, vielmehr das Weitermachen wie bisher, lediglich um den Preis hoher öffentlicher Schulden. „Die gemeinsamen Brandstifter treten nun als gemeinsame Feuerwehr an, um diesen von ihnen verursachten Flächenbrand mit Unmengen an Löschwasser aus dem Teich der zunehmenden Staatsverschuldung wieder einzudämmen.“ (S. 156) Oder noch pointierter: „Jetzt wird die Notbremse gezogen, aber ohne vom Gas zu steigen.“ (ebd.) Holztrattner zeigt seine Empörung deutlich („Nicht die Wirtschaft ist krank, sondern die Menschen, die sie gestalten“) und drängt mit Nachdruck darauf, dem „wahnwitzigen Größenfetischismus“ (S. 155) ein Ende zu setzen, denn die kleinen und mittelständischen Unternehmen (auch im Bankensektor) könnten nichts für die Krise, hätten jedoch gemeinsam mit den einfachen BürgerInnen deren Folgen auszubaden.

 

Sedmak bleibt im Ton zurückhaltend(er). Er zitiert Moralphilosophien aus unterschiedlichen Epochen und Kulturen sowie die katholische Soziallehre, die ihn jedoch zum selben Schluss wie Holztrattner führen: Die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise ist (auch) eine „Krise von innen“ und muss mit einer „moralischen Krankheit“, der Habgier in Verbindung gebracht werden. Auch Sedmak fordert politische Regulierungen: „Da die Habgier gerade in der Unfähigkeit besteht, `genug ist genug´ zu sagen, ist der Weg zur Eindämmung der Habgier das Einziehen von Grenzen.“ (S. 46)

 

Der Bankfachmann wie der Philosoph haben beide Recht. Holztrattner ist nur direkter, wenn er von einer „Bankrotterklärung der guten Sitten“ (S. 76) spricht. Bleibt nur die Frage nach dem öffentlichen Protest dagegen. Wo sind jene Eliten, die den nur diffus vorhandenen Unmut in der Bevölkerung sammeln und demokratisch wirksam werden lassen? Denn nur wenn viele artikulieren, dass sie die Zustände für untragbar halten, werden politische und wirtschaftliche Eliten den Umschwung einleiten. Argumente hierfür bietet dieses Buch zuhauf! H. H.

 

Holztrattner, Manfred; Sedmak, Clemens: Eliten oder Nieten? Die Finanz- und Wirtschaftskrise als Folge politischer und wirtschaftlicher Führungsschwächen. Salzburg: Kiesel, 2009. 200 S., € 19,90,

 

sFr 33,80; ISBN 978-3-9502787-2-2