Kanalsysteme für die Schiffahrt standen am Beginn, dann kam die Eisenbahn, später die Elektrizität und gegenwärtig versprechen Computernetze von globaler Reichweite alle Grenzen zu überschreiten und das Individuum in ein immer dichteres Netz infrastruktureller Netze einzuflechten. Große technische Systeme (GTS) nannte eine deutsche Forschergruppe jene technisch-bürokratischen Gebilde, denen sie sich von verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen herkommend - theoretisch anzunähern versuchte. Nach Joachim Radkau, der die historische Genese der GTS darstellt, war es ganz wesentlich die zentrale Elektrizitätsversorgung seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, welche die modernen Vorstellungen von großtechnischen Systemen inspirierte.

Das an sie anknüpfende Motiv einer technisch bedingten Wachstumslogik versucht er jedoch durch den dringenden Hinweis auf politische und psvchologische Faktoren zu relativieren, welche in erheblichem Maß das Wachstum van GTS mitbegründen würden. Größenwachstum und Steuerbarkeit stellen überhaupt die Kardinalprableme von GTS dar. Der Beitrag van Klaus Kornwachs versucht diese auf der Grundlage systemtheoretischer Begriffe zu ergründen. Dabei ergibt sich, daß GTS nicht mehr vollständig beschreibbar sind und daher nicht mehr beherrschbar im Sinne einer lückenlosen technischen Steuerung. Störungen würden in der Folge nur mehr durch notbehelfsmäßige Ergänzungen am System, also Wachstum, behoben werden.

Mit Selbstdarstellungsstrategien van GTS-Betreibern beschäftigt sich Claudia van Grate. Dabei wird einmal mehr deutlich, wie weit das große technische System zugleich ein soziales System ist. Das Verhältnis der beiden zueinander behandelt Reiner Grundmann, wobei er mit Niklas Luhmanns Theorie der sozialen Systeme dem Leser auf einem recht anspruchsvollen Niveau des soziologischen Diskurses entgegentritt. Als entspannender Entreakt zwischen schwierigen Theorie-Beiträgen bieten sich Ingrid Severins Ausführungen über die Verarbeitung van Technik und Technikerfahrung in der modernen Kunst an. Die kulturellen Konsequenzen van Satellitenbildern analysiert Hans Sachs. Er betrachtet die Photos von der Erde als Basis für viele Varianten des globalen Bewußtseins. Sie hätten dabei nicht zuletzt die "Großplanungsphantasien " der technokratischen Ökologie begünstigt, deren distanzierter Blick die Welt zur bloßen “Biosphäre " entsozialisiert und sich anmaßt, diese gleichsam wie ein GTS (re)organisieren zu können.

AI. G. 

Technik ohne Grenzen. Hrsg. v. Ingo Braun ... Frankfurt/M.: Taschenbuch Wissenschaft. Suhrkamp, 1994. ca. DM / sFr 27,90 / ÖS 217,-