Eine verbreitete Form wissenschaftlicher Zukunftsplanung ist die Prognose. Aufgrund mehr oder minder stichhaltigen Daten- und Faktenmaterials wird vom Ist-Zustand aus auf künftige Ereignisse geschlossen. Das Verfahren der Extrapolation erweist sich aber zunehmend als mangelhaft: Menschliche Bedürfnisse, Erwartungen und Verhaltensänderungen können so nur unzureichend erfasst werden. Tietz - er lehrt Betriebswirtschaft und Futurologie an der Universität des Saarlandes - nähert sich seinem Thema in anderer Weise. Grundlage seiner umfassenden Darstellung möglicher Entwicklungen (der BAD) ist ein globales Szenario in zwei Varianten. Während einmal (»Überlebensszenario«) davon ausgegangen wird, dass die großen Probleme dieser Welt - Bevölkerungsexplosion und ökologische Krise zunehmend beherrscht oder zumindest doch stabilisiert werden können, kann auf der anderen Seite (»Defizitszenario«) nicht ausgeschlossen werden, dass vor allem nationale Egoismen die selbstzerstörerischen Tendenzen der Gegenwart ins Unermessliche steigern. In vergleichbar offener Weise entwirft der Autor darauf zwei divergierende Modelle der bundesdeutschen Entwicklung. Er geht einerseits, aktuelle Tendenzen fortschreibend, davon aus, dass die Bevölkerungszahl der BAD bis zum Jahre 2030 auf 45 Millionen sinken wird. Als Variante hält er die Beibehaltung des gegenwärtigen Standes von 60 Millionen für möglich. Unter dem Druck wirtschaftlicher Interessen wäre dies durch eine Änderung der restriktiven Ausländerpolitik denkbar. Wie diese konträren, aber doch jeweils begründbaren Annahmen auf alle gesellschaftlichen Bereiche Einfluss nehmen, wird anschließend im Einzelnen dargestellt. Ausbildung und Forschung, Umwelt und Energie, Gesundheit und Altersversorgung, Wirtschaft und Wohlstand, Arbeit und Freizeit, Staat und Verwaltung - kein Bereich, den Tietz nicht differenziert zu erfassen sucht. Wenn auch der Schwerpunkt seiner Betrachtungen auf den Handlungsalternativen für Unternehmen liegt, so werden doch auch sozial-kulturelle Fragen (»innere Kündigung« oder »freiwillige Einfachheit«) berücksichtigt. Das Buch bietet nicht nur eine Fülle aktueller Informationen, sondern legt auch die Möglichkeit bewusster Einflussnahme auf die Gestaltung der Zukunft offen. Indem Optionen (methodisch) als »bewusste Ausrichtung auf eine gewollte Zukunft« eingebracht sind, wird diese als Raum konkreten, phantasiebetonten Gestaltens fassbar. Zu fragen und abzuwarten bleibt allerdings, inwieweit der einzelne Bürger auf diese Entwicklung wird Einfluss nehmen können oder ob, wie der Untertitel andeutet, die Planung unserer Zukunft den Experten und Entscheidungsträgern vorbehalten bleibt. 

Tietz, Bruno: Optionen bis 2030. Szenarien und Handlungsalternativen für Wirtschaft und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch für Entscheidungsträger. Stuttgart: Poller, 1986. 685 S.