Das hier anzuzeigende Buch ist bemerkenswert, wenn nicht mustergültig in mehrfacher Hinsicht: als ebenso weit ausholende wie prägnante Grundlagenreflexion betreffend "das Verständnis von Gesellschaftskritik als einer gesellschaftlichen Praxis", als stilistische wie übersetzerische Leistung und nicht zuletzt als Beispiel editorischer Sorgfalt. In den ersten zwei Kapiteln fragt der renommierte Professor für Sozialwissenschaften am Institute for Advanced Studies (Princeton), wie Gesellschaftskritik sinnvoll theoretisch zu begründen und praktisch zu leisten ist. Eine der wichtigen Einsichten, zu denen dieser Klärungsrozess führt: "Gesellschaftskritik ist weniger ein praktischer Abkömmling wissenschaftlichen Wissens als vielmehr der gebildete Vetter der gemeinen Beschwerde. Wir werden gewissermaßen auf natürliche Weise zum Sozialkritiker, indem wir auf der Grundlage der bestehenden Moral(auffassungen) aufbauen und Geschichten von einer Gesellschaft erzählen die gerechter ist als die unsere, aber niemals eine völlig andere Gesellschaft." Im dritten Abschnitt untersucht Walzer die (zumindest in der westlichen Welt) historisch erste Ausprägung des Gesellschaftskritikers auf das hin, was an ihr für uns heute noch exemplarisch ist: den biblischen Propheten. 

Walzer, Michael: Kritik und Gemeinsinn. Drei Wege der Gesellschaftskritik. Berlin: Rotbuch-Verl., 1990. 144 S. (Rotbuch Rationen) DM 24,- / sFr 20,30 1 öS 187,20