Was hat ein Band Memoiren in einer Zeitschrift zu suchen, die zukunftsrelevante Neuerscheinungen rezensiert? Viel, wenn er von der deutschen Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle stammt - sie war und ist nämlich in vielen ihrer Positionen ihrer Umgebung, unserer Gesellschaft und ihren Institutionen weit voraus. Sölle zeichnet in diesen Erinnerungen nicht penibel die Chronologie ihres Lebens nach, soviel Aufhebens um sich läge ihr auch gar nicht; vielmehr reflektiert sie ohne Anspruch auf Vollständigkeit über wichtige Stationen ihrer Entwicklung, über Menschen und Standpunkte, denen sie in ihrem bewegten und an Auseinandersetzungen reichen Leben begegnet ist.

Wir lesen von ersten kindlichen Erfahrungen in einer bildungsbürgerlichen, antinazistischen Familie; über Lehrerpersönlichkeiten und jugendliches Schwanken zwischen Existenzphilosophie und Christentum; über die Auseinandersetzung mit der kollektiven Verdrängung der Hitlerzeit und die Politisierung ihres Gewissens; das Ringen mit unangemessenen Gottesvorstellungen voraufklärerischer und aufklärerischer Provenienz, bis sie zu ihrem "atheistisch an Gott glauben", ihrer lebenspraxisbezogenen und politischen Theologie gelangte, die u:a. in den "Politischen Nachtgebeten" eine breite Öffentlichkeit fand; ihre Entwicklung zu einer der bedeutendsten Protagonistinnen der Friedensbewegung angesichts des Vietnam-Kriegs und der Kontroversen um die Nachrüstung; internationale Erfahrungen in den USA, in Nicaragua und Südamerika, die ihr Engagement für feministische Anliegen und die Dritte Welt mit prägten; über Konflikte in universitären und kirchlichen Hierarchien, aber auch über private Erfahrungen von Beziehung, Trennung und Mutterschaft, Tod und Altern.

Sölle doziert nicht; sie läßt den Leser teilhaben an hellen und dunklen Phasen, an Irrtum und Einsicht, an Einsamkeit und erlebter Solidarität, kurz: an ihrem steten Prozeß des Lernens auf mehr Gottesliebe und Menschenfreundschaft hin, der sie für viele zum Anstoß, für immer mehr zum Vorbild macht. Ein kurzes Curriculum vitae und ein Verzeichnis ihrer lieferbaren Veröffentlichungen beschließen den Band.

W R.

Sölle, Dorothee: Gegenwind. Erinnerungen. Hamburg: Hoffmann u. Campe, 1995. 320 S. DM / sFr 36,- / ÖS 287,-