Aufgabe der Kirche, sagt Dorothee Sölle in einem der hier versammelten Beiträge zu einer "europäischen Theologie der Befreiung" sei es, "uns wahrheitsfähig zu machen in der Theorie und in der Praxis". Wie wenig dies gesetzte Selbstverständlichkeit, wenn man will: ein Akt der Gnade sei, sondern kontinuierliche, immer wieder auch von Rückschlägen begleitete Auseinandersetzung bedeutet, vermitteln die Texte aufs eindrücklichste. Es sind überwiegend Beispiele von "Bibelarbeit" , für diverse Kirchentage der letzten Jahre verfaßt. Sie setzen Stachel und lassen einen so leicht nicht mehr los.

Die Radikalität des Denkens der Dorothee Sölle ist Verstörung und Befreiung zugleich; Satz für Satz wird Wesentliches gesagt, und dies in einer Sprache, vor der politische Floskeln und Fachjargon verblassen: "Diese [unsere] Marktwirtschaft", heißt es in einem Beitrag zum Forum ,Die Kirche und der Hunger nach Gerechtigkeit', "hat kein menschheitliches Modell, sie kann nur für einen Teil der Reichen funktionieren. Zur Zeit sind mehr als 75 Prozent aller Staaten nach unserem System organisiert. In neun von zehn dieser Staaten wird gehungert und verhungert. Hat der Markt nichts damit zu tun? Er kennt keine Bedürfnisse, sondern nur Nachfragen, nach diesem Prinzip wird gehandelt. Wer nichts anzubieten hat, wonach Nachfrage besteht, ist tot. Denn das Bedürfnis selbst ist nicht marktfähig. Aber für Gott ist das Bedürfnis der Menschen das Wichtigste ... "

Dementsprechend sind es die Armen, die Schwachen, die Ausgegrenzten und die Fremden, denen sich Dorothee Sölle in der Tradition des Jesus von Nazareth zuwendet. Etwa in dieser Form: Eine Asylantin./Hier ist sie nicht geboren./Unsere Sprache versteht sie nicht!/Gearbeitet hat sie ohne Papiere./Gewohnt hat sie wechselnd/bei einer Freundin/in einem Container/Sie würde gern anfangen/zu arbeiten/hier bei uns./lhr Name ist Hoffnung,/hier kennt sie niemand.  Daß es einer den tatsächlich entscheidenden Fragen und Aufgaben verpflichteten Kirche gut anstünde, in einer zunehmend erkaltenden Gesellschaft zur Minderheit zu werden, ist eine Herausforderung, der zu stellen sich lohnt.

W Sp.

Sölle, Dorothee: Träume mich, Gott. Geistliche Texte mit lästigen politischen Fragen. Wuppertal: Hammer, 1994. 1505., DM 19,80/sFr 18,20/äS 155,