Die abendländische Theologie, so Dorothee Sölle, habe die Trennung von Schöpfer und Schöpfung einseitig betont und dabei außer Acht gelassen, daß “unter den Bedingungen der Ungleichheit keine Chance besteht, das große Projekt Gottes vom schöpferisch arbeitenden und schöpferisch liebenden Menschen zu realisieren” (S. 13). An die Stelle Gottes als Ausdruck des absolut Anderen und Transzendenten, wie er in jüdisch-christlicher Tradition verstanden wird, wirbt die streitbare Theologin für ein vitales, diesseitig orientiertes Gottesbild, in der Schöpfer und Mensch einander partnerschaftlich bedingen und zur Seite stehen.

Das Konzept einer “anthropologischen Theologie” ist indes alles andere als metaphysische Spekulation. Es wirbt vielmehr für und entwickelt tragfähige Antworten auf die Frage, wie wir denn in Anbetracht von Globalisierung und Konsumismus anders und besser mit einander leben können.

Drei Aspekte, so Dorothee Sölle, sind für gute, gelingende und nichtentfremdete Arbeit kennzeichnend: das Verhältnis zum Produkt oder Ergebnis, die Beziehungen der Arbeitenden zu sich selber und ihrem eigenen Lebensrhythmus sowie die Beziehungen zu anderen Mitarbeitenden. Der Wiederentdeckung der Eigenzeit, dem Zulassen und der Entwicklung von Kreativität sowie der Immunisierung gegenüber “der uns so beherrschenden Ideologie der Gleichsetzung von Arbeit mit bezahlter Arbeit” (S. 93) kommt dabei vorrangig Bedeutung zu. Da die Technologische Revolution die “Fabrik ohne Arbeiter” zum Ziel erkoren hat, sei es an der Zeit, nicht der vergangenen Vollbeschäftigung nachzutrauern, “sondern einen anderen Begriff von Arbeit aufzubauen, der ein anderes Verhältnis zur Schöpfung artikulieren kann” (S. 98). Ungehorsam und kritischer Protest gegenüber Fremdbestimmung - und hier beruft sich die Autorin ausdrücklich auch auf Marx - seien keineswegs Symptome des Müßiggangs und der Sünde, da es doch “das leere Funktionieren, die Geistlosigkeit und Teilnahmslosigkeit sind, [die] den Schöpfer des Lebens wirklich beleidigen” (S. 101). Umfassend verstanden, sei Sünde nicht nur persönliche Verfehlung und Schuld, sondern - im existentiellen Sinn - “der Mangel an Vertrauen, Leere und die Unterwerfung unseres Lebens unter die Zufälligkeiten der vorgegebenen Lage” (S. 106).

In der Erfahrung und dem Gefühl gebraucht zu werden, macht Dorothee Sölle die Grundlage gelingender Partnerschaft und Sexualität aus. Befreit von dem Dogma heterosexueller Beziehung mit dem primären Ziel der Fortpflanzung, sei jede zwischenmenschliche Bindung in erster Linie gemeinsames “Projekt”, das von vier Dimensionen der Liebe getragen und geformt wird: Ekstase, Vertrauen, Ganzheit und Solidarität.

Wohl kaum einer anderen Stimme im deutschen Sprachraum gelingt es, die Aktualität religiösen Denkens gleichermaßen radikal und überzeugend zu vermitteln. Mitten im Leben stehend, sind Visionen wie diese vehemente Einwände gegen die auf tönernen Beinen stehende Macht einer nur materialistisch verstandenen Faktizität.

In Anbetracht der Aktualität und Vielfalt religiöser Fragestellungen sei ebenfalls empfohlen: 

Küng, Hans: Spurensuche. Die Weltreligionen auf dem Weg. München (u. a.): Piper, 1999. 317 S., DM 59,- / sFr 53,50 / öS 431,-

In dem zur gleichnamigen aktuellen Fernsehserie des SWR erschienenen, großzügig gestalteten Bildband erklärt und erzählt Hans Küng (über) das Spektrum der Weltreligionen in 7 Abschnitten: Stammesreligionen, Hinduismus, Chinesische Religionen, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam. In einer Reise von Ayers Rock nach Rom, von einer Synagoge in New York bis nach Tibet und darüber hinaus spürt Küng dem Gemeinsamen und Trennenden der Weltreligionen nach, um Traditionen bewußt zu machen und Antworten auf der Suche nach religiösen Ethik für das 21. Jahrhundert zu geben. (Ebenfalls erhältlich sind eine CD-Rom und VHS-Cassetten)


W.Sp.

Dorothee Sölle: Lieben und arbeiten. Eine Theologie der Schöpfung. Hamburg: Hoffmann u. Campe, 1999. 235 S. (campe paperback)