Lester C. Thurow ist einer der meistgelesenen und profiliertesten Wirtschaftstheoretiker der Gegenwart. Die zentrale These des nun vorgelegten Buches ist: Alle Alternativen zum Kapitalismus sind tot. Der Kapitalismus ist als unumschränkter Sieger aus den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit hervorgegangen. Aber für Thurow bedeutet das nicht, wie für andere Zeitgeistphilosophen, das" Ende der Geschichte", sondern das Ende der Dynamik des Kapitalismus. Zur Erläuterung des Prozesses, der sich gegenwärtig abspielt, nimmt der Autor Anleihen bei den Naturwissenschaften: bei der Gleichgewichtstheorie der Biologie und vor allem bei der Plattentektonik der Geologie. Besonders letzteres scheint angemessen, weil es sich bei der aktuellen Entwicklung des Kapitalismus um Prozesse handelt, die sich unmerklich und kaum wahrnehmbar ereignen, die aber, ähnlich einem plötzlichen Erdbeben, die Welt mit einem Schlag radikal verändern können. Die entscheidenden Wurzeln für die Erfolgsgeschichte des Kapitalismus sind Technik und Ideologie, genauer gesagt, deren kohärente Entwicklung. Wo diese Elemente sich nicht aufeinander bezogen und sich gegenseitig weitertreibend entwickeln konnten, kam auch die kapitalistische Bewegung zum Stillstand. Thurow erläutert diese Kernthese anhand äußerst umfangreichen empirischen Materials und zahlreicher Ausflüge in die Wirtschaftsgeschichte, die Philosophie etc. Gegenwärtig scheint ihm eine derartige Disparität zwischen Technik und Ideologie wieder feststellbar. weshalb s. E. kleine Kurskorrekturen am Kapitalismus zu wenig sind. Er plädiert für massive Strukturveränderungen. Diese skizziert er in manchen Passagen dieses lesenswerten Buches zwar, bleibt eine geschlossene Zukunftsperspektive aber schuldig. Was wir brauchen, so weit wagt sich Thurow, ist eine neue Gründergeneration, die den beschriebenen widrigen Umständen trotzt und ein neues Wirtschaftsimperium aufbauen will. Dieser Aufbauarbeit allerdings müsse zunächst der Staat mit Großprojekten vorangehen. J. P.

Thurow, Lester C: Die Zukunft des Kapitalismus. Düsseldorf, München: Metropolitan-Verlag, 1996. 624 S.