Claus Reitan

Die neuen Völkerwanderungen

Ausgabe: 2017 | 2

Herausgeber Claus Reitan, Journalist und Autor mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit, hat mit insgesamt zwölf Experten und Expertinnen gesprochen.  Als facettenreich bezeichnet er selbst das Ergebnis. Tatsächlich zeichnet dieses Buch ein Bild aus verschiedenen Perspektiven. So begegnen wir der  Meteorologin Helga Kromp-Kolb, die sich auf den Klimawandel und seine sozial- und humangeographischen Auswüchse bezieht, oder Franz Fischler, der die agrarwirtschaftliche Perspektive vertritt. Alexander Schahbasi und Peter Webinger, beide als Migrationsexperten im Österreichischen Bildungsministerium für Inneres tätig, liefern zudem ausführliche Beiträge. Zu finden sind auch aktuelle Daten, basierend auf wissenschaftlichen Studien und Analysen. Für Abrundung sorgt der Essay von Franz Josef Radermacher, Vizepräsident des Ökosozialen Forums Europa und Mitglied des Club of Rome. Die Ursachen sind, so die wesentliche Aussage des Bandes, nicht eindeutig erfassbar. Vor allem aber sind sie meist im individuellen und persönlichen Lebensumfeld zu verorten. Der Entschluss sein Heimatland zu verlassen ist Folgewirkung und Option für die Betroffenen zugleich. Migration ist kein Schicksal, sondern ein individuelles Instrument des persönlichen Krisenmanagements. Man flieht vor der Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit. Rademacher baut in seinem Essay die systemische Brücke zur globalen Verantwortung: „Dass es so ist, hat viel mit uns zu tun und damit, wie wir die Welt organisiert haben.“ (S. 135) Er plädiert daher einmal mehr für einen Global Marshall Plan. Es fehle leider noch an bewährten Modellen und Best Practice-Lösungen für die in diesem Ausmaß neue Migrationsbewegung aufgrund fehlender Erfahrungswerte, speziell in Europa. Denn dieser „Big Shift“, so bezeichnet der Ökonom Michael Landesmann die Drehung der Wanderung von Ost-West zu Süd-Nord, ist ein relativ junges Phänomen. Dafür braucht es nachhaltige Konzepte mit dem Ziel einer koordinierten und solidarischen Flüchtlingspolitik, in der die Balance zwischen den Systemen und die Akzeptanz in der Bevölkerung der Zielländer sichergestellt werden können. Ganz wesentlich sei der Umgang mit den verursachenden Faktoren: Bevölkerungs- und Entwicklungspolitik, Klimawandel, Kriege, Menschenrechtsverletzungen und die Nutzung und Verwertung von Ressourcen. Bildung und Arbeit nennt der Ökonom Robert Holzmann die „Push und Pull-Faktoren“ (S. 43) von Migration, sie wären der Schlüssel für jegliche Entwicklung in den Herkunftsländern.

Migrationsursachen basieren zwar in erster Linie auf persönlichen und individuellen Entscheidungen, aber verantwortlich für Migration sind politische, soziale, ökonomische, ökologische und humanitäre Bedingungen in den jeweiligen Herkunftsländern. Es sei das „Megathema des 21. Jahrhunderts“ (S. 11), das an seinen Wurzeln gepackt werden sollte, so Schahbasi. Ein facettenreicher Band, der einen profunden Ein- und Überblick zur Thematik bietet.