Svenja Bromberg Euro TrashWenn über Europa gesprochen wird, geht es oft um Lampedusa, Migration und die europäischen Grenzen, um Steuerpolitik, Schulden, Korruption und den Krieg in der Ukraine. Meist überwiegt eine negative Diktion, die wenig Raum lässt für konstruktive Aufarbeitung. Dem Titel folgend, geht es in „Euro Trash“ aber nicht um Müll und Entsorgung, sondern eher um Wiederaufbereitung und Rückgewinnung. Bei den hier versammelten Texten, teils erstmals in deutscher Sprache zugänglich, teils neue Essays, Aufsätze, Interventionen und Gespräche, handelt es sich nicht um eine der üblichen Gebrauchsanweisungen für Europa. Zu Wort kommen bekannte und weniger bekannte jüngere linke Theoretiker, die sich kritisch mit einer immer weniger funktionierenden EU auseinandersetzen. Dabei schlagen sie einen weiten historischen Bogen von der politischen Analyse der Nachkriegszeit bis herauf zu zeitgenössischer Philosophie und zur Popkultur. Zum Buch erschien zudem ein Musikstück auf „soundcloud“ von Carlos Souffront „Europe from Detroit“ [soundcloud.com/merveberlin/carlos-souffront-europe-from-detroit], wohl auch, um damit ein jüngeres Publikum anzusprechen.

Der Band beginnt mit einem kurzen Beitrag des russisch-französischen Philosophen Alexandre Kojève, bekannt geworden v. a. durch seine vor dem 2. Weltkrieg gehaltenen Hegel-Vorlesungen. In einem Aktenvermerk mit dem Titel „Notiz für die Menschheit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, im vorliegenden Band zum ersten Mal veröffentlicht, entwickelt Kojève bereits 1950 die Grundlinien einer europäischen Währungsunion. Darin geht es vor allem darum, die vorhandenen Ungleichgewichte der nationalen Märkte abzuschaffen.

Grundlagen des Euro

Der französische Wirtschaftswissenschaftler Cédric Duran zeichnet nach, auf welchen Grundlagen der Euro schließlich eingeführt wurde. „Sein [Durans] marxistischer Ansatz verortet die Einheitswährung im Kontext langfristiger Veränderungen des globalen Kapitalismus.“ (S. 11)  Duran hält  eine Neuausrichtung der Eurozone für unwahrscheinlich, wenn nicht sogar für unmöglich, hofft aber auf den Druck von der Straße, der ständig wächst und den dringenden kollektiven Wunsch nach einer Alternative zum Ausdruck bringt. Der Ökonom Thomas Piketty hält im Gespräch mit den Herausgebern die Rückkehr zu monetärer Kleinstaaterei für kontraproduktiv und plädiert nicht zuletzt deshalb für eine Reform der Eurozone. Der Chefkommentator der Financial Times, Martin Wolf, drängt auf ein bedingungsloses Grundeinkommen, denn nur so könne man mittelfristig auf die Automatisierungsprozesse adäquat reagieren. Ein weiterer alter Bekannter, der Philosoph Alain Badiou, kann sich weder mit dem klassischen Nationalstaat noch mit der supranational organisierten EU anfreunden. Er plädiert für eine genuine geistige Neuschöpfung. Ein ernüchterndes Bild der EU zeichnet schließlich auch der Philosoph Damir Arsenijevic, der über die Proteste berichtet, die im Februar 2014 Bosnien-Herzegowina aufwühlten.

Raus aus Europa

Dabei geht er mit NGOs und der EU gleichermaßen hart ins Gericht, wenn er beiden vorwirft, sie würden ethnische Trennlinien nicht überwinden, sondern noch verfestigen. Abschließend kommt der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke mit einem kurzen Text zu Wort, in dem es um einen Weltraumlift geht, der Menschen und Waren zwischen Erdoberfläche und Erdumlaufbahn hin- und her befördern kann. Dies wäre dann wohl die letzte Option, nämlich „Raus aus Europa, rein in den Weltraum“ (S. 22). Soweit sollte es nicht kommen! Alfred Auer

Bei Amazon kaufenEuro Trash. Hrsg. v. Svenja Bromberg … Berlin: Merve-Verl., 2016. 232 S.,  € 20,- [D], 20,60 [A] ISBN 978-3-88396-357-0