Man schreibt das Jahr 1999, Silvesterabend. Ein alter Mann soll in die Raumkolonie abgeschoben werden. Zwei Freunde und ein Erzähler machen sich auf die Suche nach den Gründen, nach Anhaltspunkten aus seinem Leben. Trotz lückenhafter Erinnerungen wird die Geschichte des alten Mannes, Jahrgang 1918, offenbar. "Die Zeit verrinnt, während der alte Mann resigniert im engen Vorzimmer der Abreise hockt, die letzte Abstellkammer meines irdischen Daseins, nennt er es, den Kopf in die Hände gestützt, das Dröhnen der Vergangenheit in den Ohren ..."

Die Wiedereroberung der Vergangenheit erfolgt sehr behutsam. Neben Ereignissen der Kindheit in, Paris, der Flucht vor den Nazis, politischen Abenteuern, Liebesaffären und einer Reise durch das heutige Deutschland mischen sich auch philosophisch-weltanschauliche Betrachtungen. "Denkt nicht, ich würde mit diesem alten Kram kommen, na ja, höchstens mal am Rande, dieses Psychophilogefasel werden wir nur mal kurz streifen, denn so ganz für die Katz ist es schließlich auch wieder nicht gewesen."

Federman hält auch mit Überlegungen zu Sinn und Wirkungsweise von Literatur nicht hinter dem Berg. "Schließlich ist es doch Aufgabe von Literatur, und ich meine hier nicht nur von Science-Fiction, der Welt ein besseres Gesicht zu geben." Davon macht der Autor ausgiebig Gebrauch. In "seiner' Zukunft gibt es "keine Hungersnöte mehr, keine Energie- und Wirtschaftskrisen und deren Folgekrisen, wie leicht es einem doch fällt, Menschheitsprobleme zu lösen, wenn man eine zeitlich ungebundene Geschichte schreibt, keine realistische Story, die Ressourcen der Natur sind unerschöpflich, wir haben's ja immer gewußt, und man geht sorgfältig mit ihnen um, beutet sie mit Verstand aus und verteilt sie vernünftig ..."

Über die Gründe für den Deportationsbescheid in die Mondkolonie wird der Leser bis zum Schluß im Unklaren gelassen. Dann nimmt alles eine überraschende Wendung: Der alte Mann wird nicht zum Abflug aufgerufen. Er schreit mehrere Male: "Und was ist mit mir'. "Zum ersten Mal seit seiner Ankunft im Raumhafen hörten wir Verzweiflung in seiner Stimme." So endet diese lesenswerte Geschichte ohne Auskunft darüber, ''was mit dem alten Mann passiert, wo er hingegangen ist, was sie mit ihm gemacht haben".

Die Geschichte hat sich selbst erschöpfend erklärt. "Am schlimmsten ist das Ende, nein, der Anfang ist am schlimmsten, dann die Mitte, dann das Ende, am Ende 'ist das Ende am Schlimmsten, was soll die Aufregung also, der nutzlose Widerstand gegen das Unvermeidliche, vor allem jetzt ...".

Federman, Raymond: Die Nacht zum 21. Jahrhundert oder Aus dem Leben eines alten Mannes. Nördlingen: Greno, 1988.247 5. DM 32,-/sfr 27,10/ö5 250,-