Die hier wieder abgedruckten Aufsätze aus den Jahren 1984-1992 - ergänzt um einige Erstveröffentlichungen - erzählen Geschichten einer Generation, "die einmal angetreten war, die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen und sich dabei in den Netzen verfing, die sie gerade abzuschütteln versuchte". Desillusioniert, aber nicht hoffnungslos, wirft der Autor einen spöttischen Blick auf die sogenannten kleinen Dinge des Lebens. Brandes berichtet etwa von Problemen des Fußgängers mit den radelnden "Leisetretern" und Autofahrern, als er sich seufzend eingestand, "dass es leichter war, sich programmatisch dazu durchzuringen, ein alternatives Leben zu führen und das auch allen Freunden anzuempfehlen, als es wirklich zu leben". Weitere Histörchen handeln von einer Alternativpleite im Verlagswesen, einem Straßenfest mit anschließendem „Mauerbau" zur Aussperrung der Autos oder einem hochsommerlichen Sonntagnachmittag am Waldsee. In den z.T. fiktiven Geschichten wird humoristisch, subtil-doppelbödig über Umweltschutz; Verkehrsprobleme, Kindererziehung und Ausländerfeindlichkeit nachgedacht, um so die psychosozialen Befindlichkeiten und Anpassungen an die Realität aufzuspüren. Thema des Autors sind auch die alltäglichen" Beziehungs-Scharmützeln", Verbindungen, die ihr Ende verdient hätten, Softies, die "mehr Frau als die Frauen selbst sein wollen", verlorengegangene Hoffnungen auf bessere Partner sowie die zweifelhaft gewordene "andere Erziehung". Und jene, die nach anfänglichen Schwierigkeiten begannen, das Leben zu genießen, "selbst wenn einem die täglichen Schreckensmeldungen vom Gift in den Lebensmitteln den Appetit zu nehmen drohten", beruhigen ihr Gewissen mit Spenden für Hungernde in der Dritten Welt. Das Ende der großen Entwürfe findet hier die praxisbezogene Entsprechung. Volkhard Brandes gelingt mit seiner essayistisch vorgetragenen Kritik an gegenwärtigen Befindlichkeiten die psychische und physische Mobilmachung gegen den Verlust der Utopie vom besseren, alternativen Leben. Alfred Auer

Brandes, Volkhard: Die kleinen Dinge des Lebens. Geschichten vom Utopie-Verlust. Frankfurt/M.: Brandes u. Apsel. 1992. 153 S. (Literarisches Programm; 15) DM 19,80/ sFr 16,80/ öS 154,40