Ist es ethisch vertretbar, menschliches Leben zu vernichten, um Leiden zu Iindern? Gibt es ein Recht auf genetisch eigene, gesunde Kinder? Ist das Recht auf freie Forschung dem Grundrecht auf Leben gleichzusetzen? Fragen wie diese wurden in jüngster Zeit – keineswegs nur im deutschen Sprachraum – sehr kontroversiell, auf vielfach hohem Niveau und mit breiter Resonanz diskutiert.


Der hier angezeigte Band versammelt prominente Stimmen im Für und Wider von Präimplantationsdiagnosik (PID) und Stammzellenforschung und bietet einen guten Überblick über die weitreichenden Facetten des Diskurses.

Die Herausgeberin – neben anderen AutorInnen dieses Titels ist sie Mitglied der Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ des Deutschen Bun-destages – hat dabei überwiegend kritischen Positionen Raum gegeben. Von den insgesamt 17, in vier Abschnit-ten („Die Zeit der Biopolitik“, „Welche Grenzen setzt die Menschenwürde?“, „Die embryonale Stammzellenfor-schung“ und „Präimplantationsdiagnosik“) gegliederten Beiträgen sind v. a. die Stellungnahme der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) und ein Diskussionsent-wurf der Deutschen Ärztekammer zur PID als befürwortende Positionen auszumachen. In beiden Fällen wird u. a. mit Verweis auf die Freiheit der Forschung die Anwendung der umstrittenen Techniken mit Einschränkun-gen (etwa Import statt Erzeugung embryonaler Stammzellen) empfohlen.


Differenziert und in der Argumentation durchwegs schlüssig sind die vorgebrachten Einwände. So wird für einen „Fortschritt nach menschlichem Maß“ plädiert (Johannes Rau), der Genom-Diskurs als „Reise ins Land der Metaphern“ interpretiert (Lily E. Kay), rechtliche und soziale Folgen einer postnatalen Diagnostik (Th. Lemke) angesprochen oder das Versprechen auf Heilung von Leiden als „unbeweisbar und unlogisch“ entlarvt (I. Prätorius). Die Folgen medizinischer Selektionsofferte für die Gesellschaft insgesamt (Stichwort: neue Eugenik), für die Betroffenen – neue Verantwortung anstelle der versprochenen Selbstbestimmung v. a. für Frauen   und die daraus abzuleitenden Folgen im Hinblick auf die so viel strapazierte „Würde des Menschen“ sind weitere angesprochene Aspekte.


Eine überzeugender Beitrag zur Klärung und Vertiefung einer Diskussion, die alle betrifft und unsere Auseinandersetzung fordert. W. Sp.

 

Bei Amazon kaufenDie Genkontroverse. Grundpositionen. Mit der Rede von Johannes Rau. Hrsg. v. Sigrid Graumann. Freiburg (u. a.): Herder, 2001. 192 S., € 9,90 / DM 18,90 / sFr 16,80 / öS 138,–