Das populäre Lexikon der Gentechnik

Ausgabe: 2001 | 4

Lexikon der Gentechnik von Thilo Spahl und Thomas DeichmannOb Gentech-Käse, Kariesprävention oder Gewebezüchtung - die Bio- und Gentechnologie hat längst Einzug in unseren Alltag gehalten. Sie nutzt dabei die Erkenntnisse der Genomforschung und der molekularen Biologie, um mit biologischen Methoden - von biomedizinischen Medikamente bis zu gentechnisch erzeugte pflanzeneigenen Schutzmechanismen - in das Lebensgeschehen einzugreifen. Die Grundlagen dieser gar nicht so neuen Wissenschaft, die konkreten Anwendungen in Landwirtschaft und Medizin sowie die Risiken und Möglichkeiten des Missbrauchs kommen hier zur Sprache. Dies geschieht, wie man erwarten konnte, ganz und gar nicht wertneutral bzw. vorurteilsfrei. Vielmehr stellen die Autoren bereits zu Beginn klar, das ihrer Meinung nach die Kritik an den Naturwissenschaft unsere Fähigkeit gar untergrabe, gegenwärtige und künftige Menschheitsprobleme überwinden zu können. Mit Argumente wie - täglich sterben 4.000 Kinder an Malaria oder 800 Millionen Menschen leiden an Hunger - wird jeder Kritik an der Genomforschung von vornherein eine Absage erteilt, wer könnte auch gegen einen wirksamen Impfstoff gegen Malaria oder eine Verbesserung der Nahrungsmittelver-sorgung sein. In diesem Sinne ist „Zukunftspessimismus ... heute eine deutlich größere Gefahr für das Wohl der Menschheit ... als es der viel gescholtene Machbarkeits-wahn oder die nicht minder verpönte Technikgläubigkeit je waren oder sein werden“ (S. 16).

Neben diesen unnötigen Wertungen gibt der Band durchaus einen verständlichen Überblick über Grundlagen, Methoden und Anwendungen sowie über Missbrauchspotenziale dieser Technik. Die sogenannte „Grüne Gentechnik“ hat zum Ziel, gentechnische Verbesserungen der bedeutendsten Nahrungspflanzen zu realisieren. Am Beispiel des „Goldenen Reis“ wird gezeigt, wie durch das Einschleusen von mehreren Genen (zwei davon stammen aus den gelb blühenden Osterglocken, daher der Name) das Provitamin A, Beta-Carotin, welches im menschlichen Körper in Vitamin A umgewandelt wird, vermehrt werden kann. Ein anderes Beispiel ist die Süßkartoffel, in die ein gentechnisch eingebautes Insektizid gegen den „Rüsselkäfer“, der in Vietnam jährlich bis zu 75 Prozent der Ernte vernichtet, schützen soll.

Die sogenannte „Rote Gentechnik“ ist die Anwendung der Biowissenschaft in der medizinischen Prävention und Therapie. So kann etwa mittels Gentherapie das Gen, das die Bauanleitung für Insulin enthält, in Zellen des menschlichen Körpers eingeschleust werden, damit diese dann die Insulinproduktion selbständig übernehmen, zweifellos ein gewaltiger Fortschritt für Diabetes-Kranke. Was die Zukunft der Zivilisationskrankheit Krebs anbe-langt, so richten sich an die Gentherapie große Hoffnun-gen wenn es darum geht, die Entartung einer Zelle zur Krebszelle (durch das p53-Gen) zu verhindern.

Schließlich werden Anwendungen der Gentechnik behan-delt, die unsere Lebensgewohnheiten und Moralvorstel-lungen tangieren, also Anwendungen in einem sozialen, kulturellen Kontext – von Designerbabys über die Präimplantationsdiagnostik (ist in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz grundsätzlich verboten) bis hin zum Klonen von Menschen. Wichtig scheint den Autoren die Unterscheidung zwischen Risiko und Missbrauch, die Frage der Kennzeichnungspflicht hingegen wird als über-trieben abgetan, denn mit Verbraucherschutz habe die „Kennzeichnungswut“ im Grunde nichts zu tun. A. A.

Bei Amazon kaufenSpahl, Thilo; Deichmann, Thomas: Das populäre Lexikon der Gentechnik. Überraschende Fakten von Allergie über Killerkartoffel bis Zelltherapie. Frankfurt/M. Eichborn, 2001. 403 S., € 22,90 / DM 44,- / sFr 41,- / öS 321,-