Der Diskurs über die Berechenbarkeit bzw. Vorhersagbarkeit der Zukunft hält an (vgl. dazu PZ 1/95*4). Am Ausgang des 20. Jahrhunderts ist, so scheint es, zumindest eine wachsende Zahl von Menschen mit unserer Zukunft und der unserer Kinder befaßt. Der Physiker Karl Lanius untersucht deshalb nicht von ungefähr jene Phänomene der kleinen Ursachen mit großer Wirkung, die die Grenzen des Vorhersagbaren verdeutlichen. Dem Autor geht es darum, "die Bewegungsabläufe im komplexen ,System Erde' in historischer Abfolge" zu beschreiben.

Zunächst schildert er die historische Entwicklung der Physik und die Entstehung des Sonnensystems mit den dort wirkenden physikalischen Gesetzen. Weitere Untersuchungen beschäftigen sich mit dem Klima und der biologischen Evolution. Unser besonderes Interesse gilt hier dem Abschnitt "Mensch und Umwelt". Die anthropogenen Einwirkungen auf die Biosphäre haben inzwischen ein Ausmaß erlangt, "das sie zu einer realen Gefahr für das natürliche Gleichgewicht auf der Erde werden läßt". Und obwohl auch hier Prognosen unsicher sind, muß die Menschheit versuchen, "die globalen ökologischen Auswirkungen ihres Handelns wahrzunehmen". Lanius zitiert die Vorhersagen des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change"), die wegen der Komplexität des Systems keine Überraschungen ausschließen können.

Eine ebenfalls zitierte, vor 25 Jahren in den USA durchgeführte Delphi-Studie, deren Zukunftsvorstellungen heute geradezu lächerlich anmuten, sind für den Autor ein weiteres Indiz dafür, wie beschränkt unsere Prognosemöglichkeiten sind. Mit Nachdruck fordert Lanius Gegenmaßnahmen, um die drohende Katastrophe wenn nicht aufzuhalten, so zumindest zu verzögern. Er kann sich einen Wandel Jedoch nur vorstellen, wenn nicht mehr Konsum als Inbegriff von Lebensqualität gilt und Wachstum nicht mehr Sinnbild des Fortschritts ist. Obwohl der Autor die Unvollkommenheit unseres Wissens   hervorhebt, hält er überraschenderweise allein die Wissenschaft für fähig, "in angebbaren Grenzen gesicherte Voraussagen über den raumzeitlichen Verlauf der Dinge zu machen bzw. zu erkennen, daß einer Vorhersagbarkeit prinzipielle Grenzen gesetzt sind". Dies schließt jedoch keineswegs die Veränderung unserer Verhaltensweisen und Wertvorstellungen aus.

A. A.

Lanius, Karl: Die Erde im Wandel. Grenzen des Vorhersagbaren. Heidelberg (u. a.): Spektrum Akad. Verl., 1995. 337 S., DM / sFr 68,- / ÖS 530,50