fratzscherAuch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Politikberater (inzwischen Chef-ökonom der Bundesregierung) Marcel Fratzscher ist davon überzeugt, dass es Deutschland viel schlechter geht als alle denken. Ganz so düster wie Gersemann zeichnet er allerdings nicht. Nach seinem Befund ist Deutschlands Wirtschaft zweigeteilt: Einerseits ist das Land so gut wie kein anderes in Europa durch die Finanz- und Schuldenkrise gekommen, andererseits seien Armut und Vermögensungleichheit gestiegen und die Chancengleichheit gesunken. Das deutsche Durchschnittsvermögen ist nicht nur niedrig, es ist auch ungleich verteilt. Deutschland hat die höchste Vermögensungleichheit im Euro-Raum. Zudem hat Deutschland seit dem Jahr 2000 weniger Wachstum zu verzeichnen als andere europäische Staaten; zudem seien zwei von drei ArbeitnehmerInnen heute schlechter gestellt als vor 15 Jahren.

Die zentrale These des Buches lautet, dass Deutschland drei Illusionen unterliegt. Die erste ist die, dass die wirtschaftliche Zukunft gesichert sei. Die zweite liegt im Glauben, Deutschland brauche Europa nicht und seine wirtschaftliche Zukunft läge außerhalb des Kontinents. Die dritte ist die Vorstellung, Europa sei nur auf Deutschlands Geld aus. Europa braucht eine dynamische deutsche Wirtschaft, so Fratzscher weiter, denn „in der Stärke der deutschen Wirtschaft liegt der Schlüssel für Europas langfristigen wirtschaftlichen Erfolg“ (S. 14f.). Als große Herausforderungen sieht der Ökonom zum einen die erfolgreiche Vollendung der Währungsunion, zum anderen eine tiefere wirtschaftliche Integration, und nicht zuletzt brauche Europa eine Neuordnung seiner Institutionen im Sinne der Subsidiarität.

Der Autor kritisiert eine kurzfristig wirkende Umverteilung wie die Mütterrente und die Rente mit 63 (Schätzungen zufolge wird das mehr als zehn Milliarden Euro jährlich kosten, vgl. S. 64f.) und fordert stattdessen ein „nachhaltiges Wachstum“ (S. 220). Insgesamt wünscht er sich einen richtigen Mix aus Ausgaben- und Steuerpolitik, „der die Anreize für private Akteure richtig setzt und gleichzeitig eine stabilisierende Wirkung für die Wirtschaft hat“ (S. 68). Bei aller Kritik sollten wir nach Ansicht Fratzschers aber drei große und wichtige wirtschaftspolitische Erfolge Deutschlands anerkennen: den Abbau der Arbeitslosigkeit, die hohe Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportsektoren und die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte. Letztere stelle das Vertrauen der Finanzmärkte wieder her und sorge für öffentliche Investitionen. Die Zahlen liefert der Autor gleich mit, wenn er vorrechnet, dass die jährliche Investitionslücke allein in Deutschland 3 Prozent der Wirtschaftsleistung oder 80 Milliarden Euro beträgt (S. 82).

Schließlich spart Fratzscher nicht mit Therapievorschlägen. Eine langfristige Chance sieht er in der Energiewende. Wir dürften „nicht ignorieren, dass die Klimapolitik und die Verringerung von CO2-Emissionen ganz zentrale Ziele der Energiewende“ (S. 97) sind. Insbesondere gelte es, den Anteil erneuerbarer Energien am Bruttoendenergieverbrauch bis 2050 auf 60 Prozent zu steigern, sowie bis 2050 80 Prozent durch regenerativer Stromerzeugung und die Absenkung des Primärenergieverbrauchs um 50 Prozent gegenüber 2008 zu erreichen. Der Investitionsbedarf in diesem Bereich ist also enorm und sollte nach Fratzscher hauptsächlich durch private Investitionen bewerkstelligt werden. In der anhaltenden Niedrigzinsphase, in der Anleger nach Rendite bringende Anlagen suchen, sieht er eine einmalige Chance.

Mit Blick auf Europa hält der Autor fest, Deutschland sei nicht Opfer, sondern Nutznießer der EZB-Geldpolitik und dementsprechend in der Verantwortung: „Deutschland kann und sollte als Konjunkturlokomotive helfen, die europäische Wirtschaft anzuschieben und aus der Krise zu führen.“ (S. 221) U. a. schlägt Fratzscher eine europäische Investitionsagenda, eine Eurounion mit einem Eurovertrag als Basis für eine Fiskalunion sowie die Vollendung der Bankenunion vor. Die dringendste Herausforderung sei, die politische Krise Europas zu bewältigen und eine klare Vision für die Zukunft zu entwickeln. Man wird sehen, ob das gelingt. Erster Prüfstein ist Griechenland und die Verlängerung des Hilfsprogramms.

Insgesamt merkt man den Aussagen an, dass sie leicht kompatibel und anschlussfähig sind. Schließlich würde ein Politikberater mit markanteren Positionen seine Auftraggeber wohl eher abschrecken. Alfred Auer 

 Fratzscher, Marcel: Die Deutschland-Illusion. Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen. München: Hanser Verl.,. 250 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 21,30 ; ISBN 978-3-446-44034-0