Der neue Tugendterror

Ausgabe: 2015 | 1

sarrazinZu guter Letzt sei in diesem Kapitel eine Abhandlung der besonderen Art kurz besprochen. Thilo Sarrazins „Der neue Tugendterror“, gestartet in einer 100.000er-Auflage, ist in erster Linie eine Rezeptionsgeschichte der sogenannten Sarrazin-Debatte rund um das Pamphlet „Deutschland schafft sich ab“. Es wurde damals breit rezensiert und offenbar fühlte sich der Autor zumeist missverstanden. Die Medien nimmt er dabei besonders ins Visier, weil sie viel Falsches vor allem über ihn und seine Themen berichteten. Er argumentiert, dass in Deutschland das Rederecht beschränkt werde. Im Prinzip geht er davon aus, dass sich die „politische Klasse“ und die „Medienklasse“ zusammengetan hätten und sich an dem Spiel beteiligen, „ungeliebte störende Tatsachen in bloße Meinungen und - umgekehrt - erwünschte Meinungen in angebliche Tatsachen umzuwandeln“ (S. 28). Seine Analyse der „Political Correctness“ als transnationales Phänomen des Abendlandes, „welches zumindest in Europa eher von der linken Ecke des politischen Meinungsspektrums geprägt wird“ (S. 35), zielt dabei wohl eher auf eine von ihm gemeinte andere Korrektheit. Andreas Kemper, der eine kritische Replik auf das Buch verfasst hat, meint etwa auf den „Nachdenkseiten“, dass Sarrazin „den politischen Wertekonsens unserer Gesellschaft als spießbürgerliche Meinungszensur zu verleumden versucht“, um die Durchsetzung des „wirklich Korrekten“ voranzutreiben (vgl. www.nachdenkseiten.de/?p=20866).

Weitere Kapitel beschäftigen sich mit Elementen der Meinungsfreiheit (mit Ausführungen u. a. zu Niccolo Machiavelli und Alexis de Tocqueville), mit der Sprache des Tugendterrors und mit geschlechtergerechter Sprache. Seine Kernbotschaft stellt Thilo Sarrazin in „Vierzehn Axiome des Tugendwahns im Deutschland der Gegenwart“ dar. Darin findet man seine islamkritischen Thesen ebenso wie jene zur Vererbung von Intelligenz wieder. Grundaussage ist die Kritik an einem vermeintlich linksliberalen Gutmenschentum, das auf moralisch korrekte Gesinnung anstatt auf Fakten setze und einem „Gleichheitswahn“ anhänge.

Dem Rezensenten der Süddeutschen Zeitung (25.2.2014) fehlt bei Sarrazin die Einsicht, dass sich nicht alles um ihn dreht. Die Frankfurter Rundschau hält es für zumindest gewagt, dass Sarrazin die scharfe Ablehnung seiner biologistischen Thesen zur Zuwanderung auf Tugendterror und Medienoligarchie zurückführt.

Man muss Sarrazins Buch nicht lesen. Wer sich dennoch daran macht, erhält viel Diskussionsstoff und einen Einblick in die liberal-konservative Gedankenwelt eines Autors, dem es vor allem auch darum geht, sich selbst zum Thema zu machen. Alfred Auer

  Sarrazin, Thilo: Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland. München: DVA, 2014. 396 S., € 22,99 [D], 23,70 [A], sFr 24,50

ISBN 978-3-421-04617-8