Die zentrale Frage der vorliegenden Studie lautet, warum sich die Vorstellungen der Bevölkerung von und ihre Einstellungen zur Politik geändert haben. Der Publizistikwissenschaftler Hans M. Kepplinger glaubt, daß die Berichterstattung der Massenmedien über das politische Geschehen und ihren Akteuren eine wesentliche Ursache für die zunehmende Politikverdrossenheit sind.

Wie sonst ließen sich Umfrageergebnisse von „Allensbacher Studien“ erklären, die belegen, daß von 1969 bis 1988 das Interesse für Politik sogar anstieg. Die positiven Bewertungen über die Wertschätzung der politischen Führungseliten fielen allerdings in den 90er Jahren auf die Ausgangswerte der frühen 50er Jahre zurück.

Diese deutlichen Anzeichen einer Politikverdrossenheit in Deutschland lassen sich für Kepplinger auch nicht mit den Politikstkandalen in den frühen 90er Jahren erklären, sondern mit einer langsamen und stetigen Änderung der Politikdarstellung in den Massenmedien, wobei hier zwei Dimensionen zu unterscheiden sind: Zum einen beeinflußt die Dominanz der Unterhaltungsangebote, v. a. das Fernsehen, die Einstellungen und zum anderen ist es die Deformation der politischen Urteilsgrundlagen durch den Wandel der Politikberichterstattung.

Kepplinger begründet seine Thesen durch eine Inhaltsanalyse der gesamten Deutschlandberichterstattung des Politikteils von FAZ, „Süddeutscher und Die Welt über den Zeitraum von 1951 - 1995. Basierend auf den empirischen Ergebnissen sieht der Autor den Wandel der Darstellung, Wahrnehmung und Beurteilung von Politik als Ergebnis eines vielstufigen Prozesses. Die größere Reichweite und der Bedeutungsgewinn der Massenmedien änderten die Erfolgsbedingungen der Politik und der Interessenvertreter. Diese mußten sich den Bedürfnissen der Medien in dem Maße anpassen, in dem der Erfolg in den Medien zu einer Voraussetzung für den Erfolg in der Politik wurde.

Dieser Wettlauf um Publizität blieb aber nicht ohne Nebenfolgen. Am Beispiel der Diskussion um die Reform des Steuer-, Gesundheits- und Rentensystems (1997) in Deutschland zeigt der Autor, daß ein Überfluß an Information den Blick auf die Probleme verstellt und so die zunehmende Entfremdung der Beobachter der Politik von den Gegenständen des politischen Handelns mit bedingt. Insgesamt spricht Kepplinger in diesem Zusammenhang sogar von dysfunktionalen Folgen der Pressefreiheit, die zweifellos nicht beabsichtigt sind, aber wesentlich zum beschriebenen Sachverhalt beitragen. A. A.

Kepplinger, Hans M.: Die Demontage der Politik in der Informationsgesellschaft. Freiburg (u. a.): Alber, 1998. 251 S. (Alber-Reihe Kommunikation; 24) DM 59,-