Der Autor ist nach Durchsicht bisher unveröffentlichter Dokumente und Berichte skeptisch gegenüber der offiziellen und meist auch allgemein akzeptierten Version des Unfallhergangs. Besonderes Augenmerk widmet er den ökologischen, landwirtschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen. Im Rückblick werden nochmals Einzelheiten der Geschehnisse und die folgenden Maßnahmen beschrieben. Medwedew ist der Überzeugung, dass Fehler nicht nur von der Kraftwerksleitung gemacht wurden, "sondern durch die Art und Weise, mit der die Kernenergie in der Sowjetunion verwaltet wird". Beweis sind ihm die seit dem Unfall vollzogenen administrativen Veränderungen, die auf bürokratisches Fehlverhalten auf hoher Ebene hindeuten. Die zum Unglück führenden Sicherheitstests waren Teil des Sicherheitsprogramms, das bereits Ende 1983 hätte durchgeführt werden müssen. Damals wurde die Sicherheit der Erfüllung des Planungsziels und den in Aussicht stehenden Prämien geopfert. Die beschriebenen Auswirkungen haben auch fünf Jahre nach dem Unglück nichts an Dramatik verloren. In der Sowjetunion werden 600000 Menschen als "signifikant strahlenbelastet" eingestuft, zwei Städte und 184 Dörfer wurden evakuiert. Über die Anzahl der zusätzlichen Krebstodesfälle gibt es unterschiedliche Angaben - sie schwanken zwischen 5000 und 75000. Als wichtigsten globalen Effekt nennt Medwedew einen unwiderruflichen Umschwung in der Einstellung der Öffentlichkeit zur Sicherheit der Atomenergie. Davon blieb auch die UdSSR nicht ganz verschont, obwohl dort" weiterhin die Überzeugung vorherrschend (ist), dass die Kernkraft die wichtigste Energiequelle der Zukunft darstellt". In historischer Perspektive sieht der Autor die Explosion des Reaktors allerdings als "Auslöser des Zusammenbruchs des kommunistischen sowjetischen Imperiums und des Endes der nuklearen Träume". Radioaktivität Tschernobyl

Medwedew, Zhores A.: Das Vermächtnis von Tschernobyl. Münster: Daedalus-Verl., 1991. 3665., DM 39,80 I sFr 33,70 I öS 310,40