"Stromerzeugung aus Uran läßt die Erde kalt." Mit Sprüchen wie diesem propagiert die Atomwirtschaft in großseitigen Inseraten die seit Tschernobyl zusehends in die Defensive geratene Atomenergie als Retter vor der drohenden Klimakatastrophe. Auftragsflauten, Baustopps und Akzeptanzkrise sollen durch einen aufwendigen Werbefeldzug wettgemacht werden, der Osten erscheint als neuer Hoffnungsmarkt für "Nachrüstungen" und Neuerrichtungen. Dem befürchteten "technologischen Fadenriß" wird mit immensem Forschungsaufwand entgegengearbeitet: Ein in deutschfranzösischer Koproduktion entwickelter neuen Reaktortyp C, der sicherste Reaktor der Welt") soll alternde Anlagen in Ost und West vor der Stilllegung bewahren und SPD wie Gewerkschaften eine "goldene Brücke" zum Abrücken von deren Ausstiegsbeschlüssen in der Folge der Katastrophe von Tschernobyl schlagen. Detailreich zeichnen die Autoren - zwei von ihnen waren lange Jahre Mitarbeiter der Berliner "Tageszeitung" - die neue Offensive der Atomwirtschaft nach, sie zitieren die Befürworter im Original und bringen Gegenstimmen, die viele der Versprechungen als geschickte Irreführung enttarnen - etwa in Bezug auf die Bekämpfung des Treibhauseffektes. Ein Beispiel: Atomenergie als "Ausweg" aus der drohenden Klimakatastrophe würde nach Berechnungen des US-Energieexperten Bill Keepin bedeuten, daß weltweit alle sieben Tage eine neue Anlage errichtet werden müßte. Anhand konkreter Fakten - z. B. am Flop der sogenannten Wiederaufbereitung - wird die ökologische und ökonomische Sackgasse der Atomwirtschaft aufgezeigt; besonders beklemmend wirkt dabei das Kapitel über die völlig ungelöste Problematik der Lagerung des Atommülls. Aufgrund der profunden Recherchen liefert dieses Buch, das erstmals auch eine umfangreiche   Bestandsaufnahme über AKWs in den ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas gibt, einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über" Ende oder Wende der Atomwirtschaft", wobei die Autoren ihren klaren Standpunkt für einen Ausstieg aus dieser Risikotechnologie nicht verhehlen und ansatzweise auch Alternativen für eine atomfreie Energiepolitik skizzieren. H.H.

Genaue Informationen über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sowie über deren "Entsorgung" hat ein sowjetischer Atomtechniker, der an den Aufräumarbeiten beteiligt war, zusammengetragen. Die minutiöse Nachzeichnung der Ereignisse ist nun mit Unterstützung des Ökoinstituts Freiburg als Buch in deutscher Sprache erschienen: Tschernousenko, Wladimir: Die Wahrheit. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 1992. 352 S.

 

Rosenkranz, Gerd; Meichsner, Irene; Kriener, Manfred: Die neue Offensive der Atomwirtschaft. Treibhauseffekt, Sicherheitsdiskussion, Markt im Osten. München: Beck, 1992.352 S. (Ein Greenpeace-Buch) DM 24,- / sFr 20,30/ öS 187,20