Siddhartha Mukherjee

Das Gen

Ausgabe: 2018 | 1

Als Erklärung für die Vererbung bei Mensch und Tier war gegen Ende des 17. Jahrhunderts die sogenannte Präformationstheorie gängig: Man ging davon aus, das jedes Spermium einen Miniaturmenschen enthält, also einen geschrumpften, voll ausgebildeten Fötus, der im Mutterleib zu einem Baby anschwillt. Seither hat sich das Verständnis offenkundig radikal verändert. Der renommierte Wissenschaftsautor Siddhartha Mukherjee präsentiert die entsprechende Entwicklungsgeschichte, indem er einen großen Bogen vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Jetztzeit spannt, von Mendels Versuchsreihen mit Erbsenpflanzen und Darwins Entdeckungsreisen bis hin zu neuesten Möglichkeiten der Gen-Bearbeitung.

Mukherjee widmet sich im Zuge dieses wissenschaftlichen Spazierganges, den er mit seiner Familiengeschichte umrahmt, nicht nur vergangenen und gegenwärtigen Aspekten. Er wagt auch einen Blick in die Zukunft und veranschaulicht, warum das aktuelle Bestreben den genetischen Code gezielt zu verändern, soziokulturelle und politische Debatten forciert: Im historischen Rückblick hat technologischer Fortschritt durchaus wohltätige Formen angenommen und die Behandlung oder Heilung von Krankheiten ermöglicht; Erkenntnis hat aber immer wieder auch zu abwegigen Definitionen von Normalität geführt, diente zur Rechtfertigung von gezielten Tötungsaktionen. Mukherjee beschreibt dementsprechend die Wunschvorstellung, das menschliche Genom beliebig zu bearbeiten als schönste und gefährlichste Idee der Menschheitsgeschichte.

Mit neuen technischen Entwicklungen müssen immer auch ethische Fragen diskutiert, Regeln formuliert und Grenzen ausgelotet werden. Die kurzweilige Lektüre ist nicht zuletzt eine Einladung an die breite Öffentlichkeit, diese Debatten mitzugestalten: „Die Forschung, wie Gene die menschliche Identität, Sexualität oder Persönlichkeit beeinflussen, ist eine Sache. Die Vorstellung, durch Genmanipulation Identität, Sexualität oder Verhalten zu verändern, ist etwas völlig anderes. Das Erstere beschäftigt vielleicht Psychologieprofessoren und ihre Kollegen der Neurowissenschaften. Das zweite, mit Verheißung und Gefahren befrachtete Anliegen sollte uns alle beschäftigen.“ (S. 27)