Nachdem bisher meist Horrorbilder vom Schmelzen der Polkappen kolportiert wurden, intonieren Klimatologen inzwischen etwas leiser. Einige widersprechen sogar der landläufigen Meinung, eine Temperaturerhöhung von vier bis acht Grad könnte das Polareis zum Schmelzen bringen. Ein Anstieg des Meeresspiegels scheint -ihnen in den nächsten 100 Jahren als äußerst unwahrscheinlich. Auch die Erhöhung der globalen Temperatur durch den Treibhauseffekt wird nun zuweilen niedriger angesetzt. Grund dafür ist die Einbeziehung der "Wettermaschine" Ozean. Nach Ansicht des Autors zeichnete sich auf dem internationalen Kongreß in Hamburg über globale Klimaänderungen ähnlich wie bei anderen Diskussionen (Waldsterben, Aids) ab, daß hinsichtlich der "Auswirkungen des Treibhauseffekts zunächst stark übertrieben wurde". Neueste Schätzungen ergeben, daß in den nächsten Jahrhunderten schmelzendes Grönlandeis den Meeresspiegel etwa in jenem geringen Umfang anhebt, wie ihn die erwärmte Antarktis absenkt. Dort hat nämlich die Erwärmung zur Folge, "daß die eisige ,gefriergetrocknete' Polarluft etwas mehr Feuchtigkeit aufnehmen könnte". Dies würde vermehrte Schneefälle, wachsende Gletscher und ein Sinken des Meeresspiegels bedeuten. Ein sowjetischer Klimatologe zeichnet sogar ein "rosiges Bild vom Leben im Treibhaus". Der Autor wünscht sich ungeachtet des Expertenstreits verbesserte Klimamodelle, um die Zusammenhänge besser zu erfassen und fordert einen schonenden Umgang mit fossilen Brennstoffen als aktiven Beitrag zum Umweltschutz.

Schuh, Hans: Das nebulöse Treibhaus. In: Die Zeit. 1989, Nr. 39 v. 22.9., S.86