„Der Star – das sind die Menschen!“ Knapper und zugleich präziser ließe sich die ‚Philosophie’ des Community Organizing (CO) wohl nicht auf den Punkt bringen. Ohne kritische Fragen auszusparen, schildert dieser von Leo Penta edierte Band Licht- und Schattenseiten dieser in den USA entwickelten, vor allem auch in Großbritannien, aber zunehmend auch in Deutschland erfolgreich angewandten Methode bürgerschaftlichen Engagements. Überzeugend berichtet wird von der in kollektiver Selbstbestimmung geballten Kraft zur Gestaltung des kommunalen Lebensraums. Geradezu spannend zu lesen ist schon der erste Abschnitt, der sich der Persönlichkeit und Geschichte von Saul Alinsky (1909-1972) widmet. Als Gewerkschaftsfunktionär, Organisationstalent und charismatischer Motivator, erkannte Alinsky, der Begründer des CO, dass Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen und zum Besseren wenden können, wenn sie erfahren, dass sie mit ihren Anliegen Ernst genommen werden und mit Sorgen und Ideen auf Resonanz stoßen. Veränderung, so Alinsky, setzt aber auch Macht voraus, und diese kann, wo Geld nicht verfügbar ist, allein durch die Kraft und Ausdauer der Menschen zum Ausdruck gebracht werden. Dies aber bedeutet auch Defizite zu benennen und (durchaus auch auf phantasievolle Weise) Druck zu machen. Ob in den von Armut, Kriminalität und sozialer Ausgrenzung geprägten Vierteln von Chicago oder in Brooklyn: Saul Alinsky wurde zum „Rebell“, indem er den Menschen zuhörte und sie dazu motivierte „taktisch“ zu agieren, was nicht mehr – aber freilich auch nicht weniger – bedeutet, als „das zu tun, was man kann, mit dem was man hat“ (S. 32). Der Bau von mehr als 3000 kostengünstigen Häusern in Brooklyn, die Reform der Krankenversicherung in Massachussetts oder die Durchsetzung von Mindestlohnstandards in Baltimore (1994) und New York (1996) sind nur einige der in der Nachfolge Saul Alinskys erzielten Erfolge des CO-Ansatzes, der heute von zahlreichen Organisationen in den USA gefördert und (nicht zuletzt auch durch Schulungen) weiter ent-

 

wickelt wird. Leo Penta, der seit Mitte der 70er-Jahre Erfahrung in der Organisation von Bürgerplattformen in den USA gesammelt hat und sich seit nunmehr 10 Jahren auch in Deutschland für die Umsetzung dieses Modells einsetzt, schildert u. a., wie wichtig die Rolle der Motivatoren („Schlüsselpersonen“) und die persönliche Begegnung der Beteiligten ist. Dass die Qualität der Beziehungen zumindest so wichtig ist wie das gemeinsame Anliegen, zählt zu den Erfolgsprinzipien des CO!

 

Ist der Ansatz auch auf das (trotz allem!) nach wie vor vom Prinzip staatlicher Fürsorge geprägtem Gesellschaftsmodell in Deutschland und Österreich übertragbar? Warnfried Dettling ist gegenüber allzu forschen Erwartungen im Hinblick auf bürgerschaftliches Engagement in unseren Breiten zu Recht skeptisch, wendet sich aber auch gegen eine nur „homöopathische“ Verabreichung des Ansatzes. Die „Res publica“ beim Namen zu nennen – und damit auch Ernst zu nehmen – erfordere, das Prinzip von „Staatlichkeit“ neu zu justieren. Aus Sicht der Zivilgesellschaft müssten Probleme neu benannt und Institutionen in ihrer überbrachten Form hinterfragt werden.

 

CO, so heißt es in einem weiteren Beitrag, steht auch für „die Überwindung der Betreuungskultur durch eine offensive Beteiligungskultur“ (S. 103), ist Antwort auf den „Legitimationsverlust des Obrigkeitsstaates“ und setzt die „Macht der Solidarität“ dagegen.

 

In welch vielfältiger und überzeugender Form diese auch in Deutschland schon wirkt und Früchte trägt, dokumentieren nicht weniger als fünf Berichte „aus der Praxis“. Vom „Kraftwerk Mitte“ in Hamburg (das den zunächst heftig umstrittenen Bau einer Moschee erwirkte) bis hin zur Arbeit des Vereins „myself“ in Stuttgart, der sich die selbst organisierte Vermittlung von Arbeitssuchenden zum Ziel gesetzt hat, reicht dabei das Spektrum ermutigender Beispiele erfolgreicher CO-Aktivitäten, wobei auch Probleme angesprochen werden. So etwa ist die unmittelbare Betroffenheit der Mitwirkenden eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg, eine Erfahrung, die wir auch in der langjährigen Arbeit mit Zukunftswerkstätten immer wieder machen.

 

„Portraits von Menschen, die handeln“ – stilistisch-atmosphärisch ausgesprochen dicht und lebendig gestaltet –, zudem wohltuend knapp gehaltene Hinweise zur Kunst des Organisierens („Wie entsteht eine funktionierende Bürgerplattform?“, „Handwerkzeug für Community Organizer“, „Beziehungsarbeit – eine sanfte Kunst“) sowie ein Serviceteil, in dem einschlägige Organisationen und Literatur nachgewiesen werden, runden diesen rundum empfehlenswerten Band ab. Nicht zuletzt tragen auch die zahlreichen SW-Fotos zu dem ausnehmend guten Gesamteindruck bei. W. Sp.

 

Community Organizing. Hrsg. v. Leo Penta. Menschen verändern ihre Stadt. Hamburg: Edition Körber-Stiftung, 2007. 254 S., € 16,- [D], 16,50 [A], sFr 28,-

 

ISBN 978-3-89684-066-0