Auf der Suche nach „Perspektiven der Transformation im Kapitalismus“ tat sich die Linke bisher schwer. Wie sollte man auch etwas kritisieren, reformieren oder transformieren, wenn man es für „zukunftslos“ hält. Mit diesem Band soll sich das aber nun ändern. Transformation im Sinne der Veränderbarkeit der Verhältnisse wird zum Anlass genommen, eine andere, eine solidarische Gesellschaft zu entwerfen. „Ausgangspunkt ist ein Blick auf das, was hier das Futuring der Herrschenden genannt wird - der Zugriff auf Zukünfte als zentrales Element von Macht“ (S. 8), so Herausgeber Michael Brie, u. a. wissenschaftlicher Referent am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac. Zudem kommen einige Prominente der deutschen Linken zu Wort und referieren über Möglichkeiten und Grenzen der Umgestaltung des Kapitalismus. Nach Ansicht des Soziologen und Senior Fellow am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Rainer Rilling, reiche es nicht, kühn das mögliche, nötige, angebrachte und machbare Ende des Kapitalismus zu diagnostizieren, vielmehr gehe es um die Transformationsfähigkeit des Gegenwärtigen. Dazu gehört v. a. „die kritische Auseinandersetzung mit der Praxis der herrschenden Aktionen, Felder und Institutionen des Zukunftshandelns, der damit verknüpften Strategien und Zukunftspolitiken“ (S. 43f.).

Inspiriert durch Rosa Luxemburgs Vision einer „revolutionären Realpolitik“ geht es um die Präzisierung eines erneuerten und gleichermaßen demokratischen wie emanzipatorischen, solidarischen wie grünen Sozialismus. Dazu bedarf es nach Einschätzung Michael Bries eines spezifischen Verständnisses von Transformation. U. a. muss die „ständige Selbstrevolutionierung“ als Kernstück der kapitalistischen Gesellschaftskonstellation gedacht werden, die es zu transformieren gilt.

In der allgemeinen Debatte prägen häufig „falsche Gegensätze“ das Bild. Diese lassen sich nur in „richtigen Verknüpfungen“ überwinden, wie dies Ulrich Brand u. a. ausführen. Dem „Herrschaftsknoten“ (Frigga Haug) muss ein „Widerstandsknoten“ entgegengesetzt werden. Dabei geht es um Gerechtigkeit bei der Verteilung von Erwerbsarbeit, fürsorgende Arbeit, Gemeinwesenarbeit und Entwicklungschancen. „Der Schein von zu wenig Arbeit verdankt sich der offiziellen Nichtwahrnehmung der meisten notwendigen Tätigkeiten in der Gesellschaft, weil sie keinen Profit bringen. Dazu gehören fast alle Arbeiten, die fürsorgend zwischenmenschlich geschehen, die wir sehr ungenau und einseitig als Reproduktionsarbeit zu bezeichnen pflegen.“ (Haugg, S. 179)

Im letzten Teil thematisiert schließlich der Politikwissenschaftler Erhard Crome die radikale Transformation, die Frage nach der Gewalt und ihre historische Rolle. Sein Fazit lautet, dass es Fälle gibt, in denen der „Terrorismus“ zu dem geführt hat, was seine Anwender bezweckten, während in anderen Fällen dies nicht der Fall war (RAF in Deutschland, Rote Brigaden in Italien oder Tupamaros in Uruguay). Wer die Zivilbevölkerung zur Zielscheibe von Terrorangriffen mache, kämpft jedenfalls nicht für deren Interessen, was auch immer die vorgeschobenen Argumente sein mögen.

Alles in allem gibt es wie so oft keine Patentrezepte, sondern vielerlei Denkanstöße und Anregungen. Kostenlos Online abrufbar ist dieses Buch unter http://ifg.rosalux.de/files/2014/08/Brie-Hrsg-Futuring-Perspektiven-der-Transformation-im-Kapitalismus-ueber-ihn-hinaus-2014.pdf. Alfred Auer

  Futuring. Perspektiven der Transformation im Kapitalismus über ihn hinaus. Hrsg. v. Michael Brie.

Münster: Westfäl. Dampfboot, 2014. 437 S., € 39,90 [D], 41,10 [A]

ISBN 978-3-89691-969-4