Callum Cant, Mark Graham, James Muldoo

Feeding the Machine

Ausgabe: 2026 | 1
Feeding the Machine

Was haben eine Datenannotatorin in Nairobi oder eine Sprecherin aus Irland mit mir zu tun? Eine ganze Menge – zumindest dann, wenn ich es ernst meine mit dem Anspruch, KI nicht nur zu nutzen, sondern zu verstehen. Denn dort, wo ich neuronale Netzwerke bewundere, staune, wie Texte, Bilder oder Stimmen generiert werden, dort wird meist ausgeblendet, was diese Systeme überhaupt erst ermöglicht: die Arbeit von Millionen Menschen, oft unter prekären Bedingungen, in Fabriketagen, Annotationszentren, Clickwork-Plattformen.

„Feeding the Machine“ setzt genau hier an – nicht bei der magischen Oberfläche, sondern bei der physischen Basisarbeit hinter den KI-Systemen. Die drei Autoren schlagen eine historische Brücke: von den disziplinierenden Systemen der industriellen Produktion hin zur heutigen KI-Arbeit. Sie argumentieren, dass die vermeintlich neue Welt der Künstlichen Intelligenz auf altbekannten Strukturen basiert – kolonial, rassistisch, geschlechtsspezifisch organisiert – nur effizienter verschleiert.

Zentral für das Buch ist die Kombination aus theoretischer Schärfe und biografischen Fallstudien. So lernen wir Mercy kennen, die in Kibera, dem größten Slum Nairobis, Bildmaterial für KI-Anwendungen annotiert – ein Ort, an dem sich die imperialen Nachwirkungen kolonialer Politik mit den Infrastrukturmächten der Gegenwart verflechten. Oder Anita aus Uganda: Sie versieht Videomaterial mit Labels, das später in selbstfahrenden Autos zum Einsatz kommt. Sie weiß um die Bedeutung ihrer Arbeit, ist ein Stück weit stolz darauf – und gleichzeitig zermürbt. Denn ihre Vorschläge zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen stoßen auf taube Ohren. Ihr Unternehmen – ein Outsourcing-Dienstleister im Stil eines hippen Silicon-Valley-Ablegers – beschäftigt Tausende. Arbeitszeiten, Schichten, Einsatzpläne – all das wird flexibel angepasst an die Auftragslage. Wenn ein Kunde schnelle Ergebnisse verlangt, werden kurzfristig Tag- und Nachtschichten eingeführt, etwa von 8 bis 18 Uhr und von 20 bis 6 Uhr. Es gibt kaum feste Belegschaften. Menschen werden eingestellt, wenn es der Markt verlangt – und wieder entlassen, wenn der Auftrag erledigt ist. Dieses konkurrenzlos flexible System funktioniert nur deshalb so reibungslos, weil es auf den jahrhundertealten Logiken kolonialer Macht basiert.

Diese Aneignung von Arbeitskraft, so zeigt das Buch eindrücklich, ist keine neue Erfindung. Vielmehr werden in den KI-Zentren der Gegenwart jene Kontrolltechnologien wiederbelebt, die einst auf Baumwollplantagen, in Spinnereien oder Fabriken perfektioniert wurden. Nur dass heute das Produkt nicht mehr Textil oder Zucker ist – sondern Information.

In diesem System ist Macht nicht mehr nur eine Frage von Eigentum, sondern von Infrastruktur.: „Gerade einmal drei Unternehmen besitzen mehr als die Hälfte der weltweit verfügbaren Rechenzentren“ (S. 22). Ohne Zugang zu ihren Clouds ist kein Training innovativer KI-Modelle möglich. Plattformanbieter sind heute keine Werkzeuge mehr – sie sind Gatekeeper. Und wer als Start-up skalieren will, muss sich ihnen unterwerfen: „Wenn überhaupt, dann lassen sich gegenwärtige Trends am besten als verstärkte Bestrebung der Tech-Giganten beschreiben, die Welt zu beherrschen und ihre Imperien weiter bis in unser Sozialleben und in die Hallen der politischen Macht hinein auszudehnen“ (S. 24).

Doch „Feeding the Machine“ geht noch weiter. Es kritisiert nicht nur den Status quo, sondern auch die kognitive Dissonanz im Westen: Wir wissen um diese Arbeitsrealitäten – und handeln dennoch nicht. Wir erleben, wie Wissen und Handeln sich entkoppeln, wie aus der Aufklärung über Missstände keine Ethik folgt: „Wenn Kommentatoren abstrakte Debatten darüber führen, was in den kommenden Jahrzehnten aus KI werden könnte […], vergisst man leicht, wie wichtig die Menschen sind, die sie hier und heute schaffen“ (S. 25).

Genau das ist die Leistung dieses Buches: Es macht diese Gegenwart sichtbar. Und zeigt zugleich, wie wenig sichtbar sie in unseren Köpfen ist. Denn ich lese dieses Buch nicht als Außenstehende – auch ich, die Rezensentin, nutze regelmäßig große Sprachmodelle im Arbeitsalltag. Und auch ich vergesse viel zu oft, wie dieser Service überhaupt zustande kommt. Ich spreche über die ökologischen Folgen von KI – aber zu selten über die menschlichen Opfer, die sie ermöglichen. Dieses Buch holt genau diesen Aspekt zurück: Es erinnert uns daran, dass auch KI – wie so viele Luxusgüter in westlichen Gesellschaften – nur deshalb so verfügbar, so bequem und so beeindruckend ist, weil sie auf der Ausbeutung von Mensch und Natur beruht.

„Feeding the Machine“ bringt den menschlichen Kontext zurück ins Zentrum: durch persönliche Geschichten der Datenarbeiter*innen und jener, deren kreative Arbeit von KI bedroht wird. Es blendet nicht aus, was so oft fehlt: Emotionen und Lebensrealitäten derer, die das System am Laufen halten – aber am wenigsten davon profitieren. Wie so oft drängt sich mir hier ein Bild auf: Wir sind im Kern immer noch Höhlenmenschen – nur eben mit Smartphones in der Hand. Talentiert genug, unser Leben damit zu gestalten, aber nicht gebildet genug, die Konsequenzen zu verstehen oder gar in Handlungen umzusetzen; was übrigens eine Beleidigung der Höhlenmenschen ist – sie hatten zumindest keine Cloudabhängigkeit.