Der in Hamburg als Verlagslektor und Schriftsteller wirkende katholische Theologe und Germanist Johannes Thiele unternimmt in seinem jüngsten Buch den Versuch, "das Buch der Bibel mit dem Buch des Lebens" - der uns umgebenden Natur - "zusammenzulesen" und daraus eine Theologie des verantwortlichen Umgangs mit der Schöpfung zu gewinnen. Er gliedert seine Überlegungen in vier Abschnitte. Im ersten, dem an Umfang gewichtigsten, bringt er zahlreiche alttestamentarische, talmudische, aber auch ägyptische und indianische Texte, die belegen, dass den Menschen ursprünglich die Heiligkeit der Erde bewusst war. Ein zweiter gedanklicher Bogen befasst sich mit den Verzerrungen und Ungerechtigkeiten, die die Menschheit bis heute angerichtet hat, und plädiert für eine neue Solidarität untereinander und mit der Schöpfung. Der dritte Abschnitt entwickelt das Konzept eines neuen Lebensgefühls, dessen wesentliche Elemente schöpferische Lebenslust, Diakonie und Spiritualität sind. Im Schlussteil lässt Thiele literarische und religiöse Zeugnisse der Mystik zu Wort kommen, denn wie viele Mystiker müssen wir "die Erde lieben", wenn wir sie retten wollen. - Während sich die offiziellen Kirchen allzu oft mit disziplinären und anderen Pseudoproblemen aufreiben, liefert hier ein (charakteristischerweise nicht in offizieller Kirchenfunktion stehender) Theologe einen engagierten Beitrag zur Diskussion über die neuen Grundwerte, ohne welche der nötige globale Gesinnungswandel wohl nicht zustande kommen wird. W R.

Thiele, Johannes: Die Heiligkeit der Erde. Bewahrung der Schöpfung und Lebenslust. Graz (u. a.): Styria, 1992. 158 S., DM 24,80/ sFr 21,- / öS 178,