Fünf Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung unternimmt Wolfgang Engler eine gesellschaftspolitische Bestandsaufnahme sowohl der Bundesrepublik als auch der ehemaligen DDR. Das aussieben, recht lose miteinander verbundenen Kapiteln bestehende Buch ist im nüchtern-wissenschaftlichen Stil abgefaßt und zeichnet sich durch den konsequenten Bruch mit Klischees und unzulässigen Vereinfachungen aus. Englers erste Ost-West-Passage beginnt mit der Beschreibung des Staatssozialismus und seines Protagonisten in der ehemaligen DDR, des "proletarischen Königs" Erich Honecker. Sie endet im Westen und relativiert postwendend die bürgerliche Ständegesellschaft der Bundesrepublik mitsamt ihren Grundwerten.

Zentrales Thema des Buches ist die im darauffolgenden Abschnitt diskutierte nachindustrielle, die "ungewollte" Moderne. Anhand des Prinzips der Individualisierung vergleicht Engler die östlichen und westlichen Lebensformen, um in der Folge den vermeintlichen Siegern im Westen die Schwächen auch ihres Systems vor Augen zu führen: Vom Mangel an flexiblem Improvisations- und Entscheidungsvermögen bis hin zur arbeitsmarktbeherrschten “Ökonomisierung der Existenzführung" .

Weitere Stationen der Reise führen zu soziologisch-politischen Tiefenproblemen wie dem Modell des Nationalstaats, zur Demokratietheorie und zur aktuellen Liberalismusdiskussion in den USA. Mit Spannung darf die weitere Entwicklung beobachtet werden, und nach Engler ist  derzeit keineswegs zu sagen, ob es im vereinten Deutschland zu einer Verwestlichung des Ostens oder zur Abdankung des okzidentalen Rationalismus kommen wird: "Die Zukunft ist offen, wieder offen, und das ist ein ebenso erfreulicher wie beunruhigender Tatbestand."

H. S.

Engler Wolfgang: Die ungewollte Moderne. Ost-West-Passagen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1995. 283 S. (Ed. Suhrkamp; NF 925) DM I sFr 19,80 / ÖS 155,-