Die Frage, "inwieweit die Grundlagen der fortgeschrittenen modernen Gesellschaft neu mit den historisch gewachsenen Ansprüchen auf ein eigenes Leben abgestimmt werden müssen", oder kurz die "Individualisierungs-Debatte" ist Gegenstand dieses umfangreichen, 24 Beiträge umfassenden Bandes. Das Individuum - lange Zeit Stiefkind der Soziologie, abgetan als "subjektiver Faktor" oder "Produkt der Verhältnisse" - tritt ins Zentrum der Betrachtung, seine Selbstrealisierung im größer gewordenen Freiheitsraum, sein Verhältnis zu Institutionen und Parteien, seine Chance, eine neue Gesellschaftlichkeit zu konstituieren wird zum Thema.

Viele der hier zusammengetragenen Beiträge führen die Handschrift des Herausgeberduos Beck/Beck-Gernsheim. Der Grundton: Die Individualisierung ist nicht aufzuhalten, sie ist ein Kind der (Spät) Moderne. Sie vermehrt die Freiheitschancen, birgt aber zugleich Risiken. Doch die Chancen überwiegen die Gefahren, wenn diese als solche erkannt werden (dürfen). Beleuchtet werden das Verhältnis von Identität und Arbeit, von Individuum und Institutionen, von Selbstverwirklichung und Familie, von scheiternden Lebensentwürfen und Gewalt. An die Stelle von Klassen und sozialen Gruppen treten selbsthergestellte Biographien einzelner Menschen, „Bastelbiographien " und „Bruchbiographien ".

Sooft auf die "Ambivalenzen postmoderner Identität" verwiesen wird, im Vordergrund stehen - das gibt dem Buch wider allen Kulturpessimismus seine Leichtigkeit und Positivität - die noch viel zuwenig gesehenen konstruktiven Potentiale, die in den einzelnen Bürgern und Bürgerinnen, also in uns allen, stecken. Wenn man nicht versucht, "den Aufbruch der Individuen zurückzudrängen", wenn es vielmehr gelingt, "die Menschen für die Herausforderungen zu mobilisieren und zu motivieren, die im Zentrum ihrer Lebensführung präsent sind" (etwa Arbeitslosigkeit, Naturzerstörung), dann wären wir dort, was UIrich Beck auch schon an anderer Stelle mit "Re-Politisierung von Politik und Gesellschaft" benannt hat, was Ralf Dahrendorf mit" Bürgergeseilschaft' sehr eindringlich beschreibt (der Band enthält auch einige bereits zu modernen Klassikern gewordene Nachdrucke - Dahrendorfs "Utopie der Weltbürgergesellschaft" ist einer davon) oder was Beck schließlich hier in seinem abschließenden Essay mit der Vorstellung eines  Europas der Individuen" als Antipode zum neuen Nationalismus meint. "Wo die alte Gesellschaftlichkeit, ,verdampft', muß Gesellschaft neu erfunden werden" - so ein zentraler Satz der neuen Soziologie der Becks. Es gilt wohl auch für dieses Buch: Wenn alte Sichtweisen den Blick verstellen, braucht es neue; so kommen wir auch zu neuen Begriffen von Wirklichkeit und Mensch.

H. H. 

Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften. Hrsg. v. Ulrich Beck ... Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1994. 481 5., DM 29,80 I sFr 30,80 / äS 233,-