Das Jahr der gefährlichen Träume war 2011. Einerseits waren es emanzipatorische Entwicklungen wie die Occupy-Bewegung oder der arabische Frühling, andererseits auch gefährlich-destruktive Momente wie der Massenmord des Anders Breivik. Heute zeigt uns der Blick auf die hoffnungsvollen Träume des arabischen Frühlings, wie zerbrechlich und inkonsistent der damalige Aufbruch war.

Um zu klären, was diese Ereignisse im Kontext des globalen Kapitalismus bedeuten, legt der slowenische Starphilosoph Slavoj Zizek die Widersprüche der gegenwärtigen politischen Lage frei. Er liefert eine durchaus eigenwillige, nicht immer schlüssige, gleichwohl aber gründliche Analyse der verschiedenen Ereignisse bis hin zum Antisemitismus in Ungarn. Als aufgeklärter Kommunist glaubt er zuerst an das Reale der Verhältnisse. Dazu gehört für ihn, dass es immer noch einen Klassenkampf gibt, da eine Klasse von den herrschenden Verhältnissen bevorzugt und eben dies durch die Verhältnisse verschleiert werde. Auch werden wir heute mit einer Vielzahl von Versuchen bombardiert, den Kapitalismus zu „humanisieren“. Aber für den Popstar unter den Philosophen entkommt die „kapitalistische Bestie“ immer wieder der wohlmeinenden sozialen Regulierung. Sein zentraler Befund lautet deshalb, „dass die aktuelle Krise sich nicht um sorglose Ausgaben, Gier, ineffektive Bankenregulierung usw. dreht“, sondern ein Wirtschaftszyklus an sein Ende kommt, ein Zyklus, der in den frühen 1970er-Jahren begonnen hat, eine „monströse Maschine, die die Weltwirtschaft von den frühen 1980er Jahren bis 2008 am Laufen gehalten hat“ (S. 29).

Was ist also zu tun? Zizek ist sich selbst offensichtlich nicht ganz sicher. Einerseits schlägt er vor, direkten Widerstand, der immer auch das System bestätigt, gegen das er agiert, für einen Bruch mit dem System selbst einzutauschen. Andererseits mahnt er dazu, die Protestenergie nicht hastig in konkrete Forderungen umzusetzen, denn es gehe erst einmal darum, das „Vakuum in der herrschenden Ideologie“ zu besetzen und die Zeit zu haben, diesen Raum auf positive Weise zu füllen. Die grundsätzliche Frage von Zizek, wie man die Demokratie über ihre aktuelle politische Form hinaus ausweiten könne, sieht er natur- bzw. ideologiegemäß in der „Diktatur des Proletariats“ (S. 133). Ausgehend von der Fernsehserie „The Wire“ konfrontiert uns der Autor schließlich mit der schwierigen Frage, wie wir das System bekämpfen können, ohne sein Funktionieren dabei noch zu verbessern.

Bei allem was wir heute erleben, handelt es sich nach Zizek um „Zeichen aus der Zukunft“ (S. 189), als begrenzte, entstellte Fragmente einer utopischen Zukunft. Es liegt also wieder einmal an uns, mögliche Zukünfte wie die Occupy-Bewegung zu Vorboten unserer eigenen Zukunft zu machen und gleichzeitig empfänglich zu bleiben für eine „radikale Andersheit“. Wir sollten danach streben, „den Griff der katastrophalen ‚Zukunft‘ zu lösen und dadurch den Raum für etwas Neues zu öffnen, das kommen wird“ (S. 199). Alfred Auer

Zizek, Slavoj: Das Jahr der gefährlichen Träume. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2013. 220 S., € 17,99 [D], 18,50 [A],

sFr 5,20 ; ISBN 978-3-10-092593-0