„Nach einem Gottesdienst in Hamburg, der von ,amnesty international' zum Bußtag gestaltet wurde, hatten der mit mir verheiratete Mann und ich einen heftigen Streit. Es ging um die dort gehaltene Predigt, die Fulbert als erfreulich, humorvoll und nachdenklich empfand, ich hingegen als verschweigerisch, allzu glatt und in einem tiefen Sinn unchristlich." Mit diesen Worten eröffnet Dorothee .Sölte - vor wenigen Wochen mit dem Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung ausgezeichnet - einen gleichermaßen heftigen wie konstruktiven Disput zweier Menschen, "die Theologie mit Leidenschaft betreiben" und dabei das Wirken Gottes mitten im Leben zum Ausgangs- und Zielpunkt ihrer (hier in Briefform festgehaltenen) Reflexion machen. So beklagt denn auch Fulbert Steffensky - von seiner Herkunft her Katholik, ist er evangelischer Religionspädagoge an der Universität Hamburg - in Zeiten wie diesen einen "schwächlichen Pessimismus" (in protestantischer Tradition), der "den Zusammenbruch   immer schon wahrnimmt vor jedem Aufbruch", wendet sich aber auch gegen die „Avanti-Populo-Attitüde" Dorothees, die zuweilen den Eindruck vermittelt, daß der "Mensch kann, was er soll" und dabei zunehmend unfähig wird, an sich selbst zu zweifeln. Dorothee Sölle, die politisch Radikalere, hält indes nichts von" lebensrettendem Zögern", das gegenwärtig in neoliberalem Gewande auftritt und dabei die Zerstörung der Schöpfung betreibt, indem es "dem Projekt des Todes dient". Neben der Frage, ob Gott eher in (männlicher) Transzendenz oder (feministischer) Immanenz des Handelns in der Welt erfahrbar, Erlösung oder Befreiung demnach Ziel des Christentums sei, geht es in diesem ernsthaften, und trotz aller Gegensätze auf das Gemeinsame gegründeten Dialog u. a. um Selbstkritik der Linken (im Wissen um richtige Inhalte und deren verfehlte Vermittlung), wobei hier Fulbert Steffensky eine Lanze für die permanente Ermutigung bricht. Dem vielfach schwammigen und nur zu oft das Unrecht des Stärkeren kaschierenden Begriff der Toleranz, dem unteilbaren Menschenrecht (auch auf Wohnen und Arbeit und nicht zuletzt der Dimension des Mystischen als die jedem Menschen mögliche "Wahrnehmung der Absichtslosigkeit und der Schönheit des Lebens" gelten weitere zentrale Passagen dieser Auseinandersetzung, in der es - bei aller Gegensätzlichkeit der Standpunkte - doch immer wieder gelingt "zweistimmig zu singen". Nicht zuletzt deshalb ist dieses Buch ein Beispiel eines zielführenden, zivilisierten Diskurses, getragen von dem gemeinsamen Wunsch, der Wahrheit näherzukommen. W Sp.

Sölle, Dorothee; Steffensky, Fulbert: Zwietracht in Eintracht. Ein Religionsgespräch. Zürich: pendo-Verl., 1996. 147 S.